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Der Black War und der Genozid an Tasmaniens Aboriginals

Der Black War in Tasmanien: koloniale Landnahme, Massaker, Deportation und Tod der Aboriginals sowie Widerstand, Opferzahlen und Erinnerung.

Der Black War und der Genozid an Tasmaniens Aboriginals
Wikimedia Commons / Wikipedia — Black War

Der „Black War“ war kein Krieg gleich starker Parteien, sondern die gewaltsame britische Eroberung von lutruwita/Tasmanien. Vor allem zwischen 1824 und 1832 töteten Soldaten, Polizisten, Siedler und bewaffnete Sträflinge Aboriginals; Überlebende wurden gefangen genommen und deportiert. Vertreibung, Massaker, Entführungen, eingeschleppte Krankheiten und die Zerstörung der Lebensgrundlagen führten zur beinahe vollständigen Vernichtung der indigenen Bevölkerung.

Historiker wie Lyndall Ryan, Henry Reynolds und Nicholas Clements bewerten diesen Prozess als Genozid. Die Kolonialregierung schützte die Landnahme, rief 1828 das Kriegsrecht aus und finanzierte ab 1829 George Augustus Robinsons „Friendly Mission“, die schließlich fast alle noch freien Aboriginals nach Wybalenna auf Flinders Island verbrachte.

Das Wichtigste

  • Der Black War war die bewaffnete Phase einer britischen Landnahme, die Tasmaniens Aboriginal-Bevölkerung beinahe vernichtete.
  • Zwischen 1824 und 1832 starben laut Nicholas Clements etwa 600–900 Aboriginals und mehr als 200 Kolonisten.
  • Kriegsrecht, Kopfgelder, Strafexpeditionen und Deportation verbanden private Siedlergewalt mit der Macht des britischen Kolonialstaats.
  • Die Wollwirtschaft verwandelte geraubtes Land in koloniales Vermögen; der Schafbestand stieg von etwa 54.600 im Jahr 1820 auf rund eine Million 1835.
  • Palawa überlebten den Genozid und weisen die rassistische Behauptung zurück, Tasmaniens indigene Bevölkerung sei 1876 „ausgestorben“.

Was geschah: Landnahme, Kriegsrecht und Deportation

Die britische Besetzung begann 1803. Schätzungen der Bevölkerung vor der Invasion reichen von etwa 3.000 bis 7.000 Menschen; Lyndall Ryan arbeitete 2012 mit rund 6.000 bis 7.000, während ältere Schätzungen häufig etwa 4.000 nannten. Innerhalb weniger Jahrzehnte eigneten sich Kolonisten Jagdgebiete und Wasserstellen an, besonders in den Midlands und im Osten.

Datum Maßnahme oder Ereignis Konkrete Bedeutung
1803 Beginn der britischen Kolonie Dauerhafte militärische Besetzung und Landvergabe
3. Mai 1804 Risdon-Cove-Massaker Zeitgenössische Angaben reichen von 3 Toten bis zu „vielen“; spätere Schätzungen nennen teils bis zu 50
1. November 1828 Kriegsrecht durch Gouverneur George Arthur Aboriginals konnten aus den besiedelten Distrikten gewaltsam entfernt werden
Oktober–November 1830 „Black Line“ Etwa 2.200 Soldaten, Siedler und Sträflinge durchkämmten die Insel; gefangen wurden 2 Männer, von denen einer entkam
1830–1835 Deportationen Robinsons Mission brachte die meisten gefangenen Überlebenden nach Flinders Island
1832 Ende der Hauptkampfphase Organisierter Widerstand auf der Hauptinsel war weitgehend gebrochen

Die Gewalt funktionierte durch ein zusammenhängendes System:

  1. Die Krone erklärte Land zu britischem Besitz, ohne Vertrag und ohne Zustimmung der Aboriginal Nations.
  2. Siedler besetzten Jagdgründe, töteten Wild und sperrten Wasserstellen.
  3. Militär, Polizei, Viehhalter und Sträflinge führten Strafexpeditionen und Massaker durch.
  4. Kopfgelder und Belohnungen förderten Gefangennahmen: Arthur setzte 1830 Prämien von £5 je erwachsenem Aboriginal und £2 je Kind aus.
  5. Robinsons „Friendly Mission“ überredete oder zwang Überlebende zur Aufgabe; die Regierung deportierte sie nach Wybalenna.

„The Natives may be attacked and taken by any person.“ — Proklamation des Gouverneurs George Arthur zum Kriegsrecht, 1828.

Die Zahlen: Tote, Überlebende und umstrittene Schätzungen

Die Quellen sind lückenhaft, weil Täter viele Tötungen nicht meldeten und Leichen häufig verborgen wurden. Nicholas Clements schätzte 2014 für den Black War etwa 600 bis 900 getötete Aboriginals sowie mehr als 200 tote Kolonisten. Lyndall Ryans digitale Massakerkarte dokumentierte in ihrer Fassung von 2022 für Tasmanien Dutzende koloniale Massakerstätten; ihre Datensätze werden mit neuen Belegen revidiert.

Kennzahl Zeitraum/Jahr Schätzung und Urheber
Aboriginal-Bevölkerung vor der Invasion um 1803 etwa 3.000–7.000; ältere Forschung bis Ryan 2012
Im Black War getötete Aboriginals 1824–1832 etwa 600–900; Nicholas Clements, 2014
Getötete Kolonisten 1824–1832 mehr als 200; Nicholas Clements, 2014
Nach Wybalenna Deportierte 1830–1835 ungefähr 200; Henry Reynolds und andere Historiker
Überlebende in Wybalenna 1847 47 Menschen wurden nach Oyster Cove verlegt
Tod von Truganini 1876 fälschlich als Tod der „letzten Tasmanierin“ dargestellt

Geschätzte Todesopfer des Black War von 1824 bis 1832Todesopfer 1824–1832 nach Clements (2014)Aboriginals, Untergrenze600Aboriginals, Obergrenze900Kolonisten, Mindestzahl200+0900

Die häufig zitierte Zahl von 600 bis 900 ist keine Gesamtzahl aller genozidalen Todesfälle seit 1803. Sie erfasst vor allem direkte Konflikttote von 1824 bis 1832; Krankheit, Hunger, Säuglingssterblichkeit und Todesfälle in der Internierung kommen hinzu. Vergleichbare Datensätze stehen im Archiv unter Daten und Opferzahlen und kolonialen Gräueltaten.

Wer profitierte: Land, Schafe und britisches Kapital

Profiteure waren die britische Krone, freie Siedler, Viehhalter, Händler und Kreditgeber. Der zentrale Gewinn war Land. Gouverneur Arthur vergab in den 1820er Jahren große Flächen an vermögende Einwanderer, die Kapital und Empfehlungsschreiben vorweisen konnten. Militärschutz und Sträflingsarbeit senkten ihre Kosten; indigene Eigentümer erhielten weder Kaufpreis noch Pacht.

Die Expansion lässt sich am Schafbestand ablesen. Nach zeitgenössischen Kolonialstatistiken und der Zusammenstellung von James Fenton wuchs er von ungefähr 54.600 Tieren im Jahr 1820 auf rund 1 Million im Jahr 1835. Wolle wurde nach Großbritannien exportiert, während Aboriginals den Zugang zu denselben Graslandschaften verloren.

Wirtschaftsdaten 1820 1835 Veränderung
Schafe in Van-Diemens-Land ca. 54.600 ca. 1.000.000 etwa 18-fach
Wollproduktion keine konsistente Vergleichsreihe mehrere Millionen Pfund jährlich bis Ende der 1830er stark exportorientiert

Der Black War war „a war for the possession of the land“ — Henry Reynolds, The Fate of a Free People, 1995.

Die Gewinner waren deshalb nicht nur einzelne Gewalttäter. Koloniale Eigentumstitel verwandelten geraubtes Land in vererbbare Vermögen. Die Deportierten trugen dagegen die Kosten in Form von Tod, Familienzerstörung und dauerhaftem Landverlust. Der größere Zusammenhang britischer Expansion ist in der Geschichte des Kolonialismus dokumentiert.

Widerstand: Führung, Taktik und Überleben

Aboriginal-Gruppen reagierten zunächst selektiv auf Eindringlinge und griffen später gezielt Hütten, Vieh, Vorräte und bewaffnete Männer an. Ihre Taktik beruhte auf Ortskenntnis, schnellen Angriffen und dem Entzug kolonialer Ressourcen. Zu den bekannten Anführern gehörten Tongerlongeter, Montpelliatta, Mannalargenna, Walyer und Eumarrah.

Walyer, auch Tarenorerer genannt, führte ab etwa 1828 eine bewaffnete Gruppe im Nordwesten und setzte erbeutete Feuerwaffen ein. Tongerlongeter und Montpelliatta organisierten Widerstand der Oyster-Bay- und Big-River-Gruppen. Eumarrah kämpfte zunächst gegen die Kolonisten, wurde 1828 gefangen genommen und später als Führer kolonialer Suchtrupps eingesetzt.

Der Widerstand widerlegt die koloniale Erzählung eines passiven „Aussterbens“. Menschen verteidigten Land, Verwandtschaft und politische Autonomie gegen eine größere, versorgte und staatlich bewaffnete Streitmacht. Auch die Gefangenen von Wybalenna protestierten schriftlich gegen gebrochene Zusagen. Ihre Nachkommen bewahrten Identität, Sprachelemente, Kultur und politische Ansprüche trotz staatlicher Versuche, sie für verschwunden zu erklären.

Leugnung, Erinnerung und Bedeutung heute

Die Leugnung nahm mehrere Formen an: Tötungen wurden als Notwehr bezeichnet, Massaker aus Akten entfernt und der Bevölkerungszusammenbruch allein Krankheiten zugeschrieben. Im späten 19. und 20. Jahrhundert erklärte die sogenannte Aussterbe-Erzählung Tasmaniens Aboriginals für biologisch verschwunden. Truganinis Tod im Jahr 1876 wurde dafür missbraucht, obwohl Palawa-Gemeinschaften, besonders auf den Bass-Strait-Inseln, fortbestanden.

Die Debatte eskalierte in Australiens „History Wars“. Keith Windschuttle bestritt 2002 in The Fabrication of Aboriginal History große Teile der etablierten Opferzahlen; Historiker wie Henry Reynolds, Lyndall Ryan und James Boyce wiesen seine selektive Quellenverwendung zurück. Die Forschung beurteilt heute Tatorte, Muster und Verantwortlichkeiten anhand von Tagebüchern, Verwaltungsakten, Zeitungen, Archäologie und mündlicher Überlieferung.

Key facts

  • Der Black War dauerte in seiner intensivsten Phase von 1824 bis 1832.
  • Gouverneur George Arthur verhängte am 1. November 1828 das Kriegsrecht gegen Aboriginals.
  • Nicholas Clements schätzte 2014 etwa 600–900 tote Aboriginals und mehr als 200 tote Kolonisten.
  • Die „Black Line“ mobilisierte 1830 etwa 2.200 Männer, fing aber nur einen Menschen dauerhaft.
  • Im Jahr 1847 lebten nur noch 47 der nach Wybalenna Verschleppten, die nach Oyster Cove verlegt wurden.

Heute fordern Palawa-Organisationen Landrückgabe, Schutz heiliger Stätten, Rückführung menschlicher Überreste und Anerkennung von Souveränität. Die Tasmanian Aboriginal Centre und Aboriginal Land Council of Tasmania gehören zu den zentralen Institutionen. Erinnerung bedeutet nicht, Aboriginals auf Opferstatus zu reduzieren: Palawa sind eine lebende Bevölkerung mit politischen Rechten, nicht die Fußnote einer abgeschlossenen Tragödie.

Quellen und weiterführende Literatur

Häufige Fragen

Was war der Black War in Tasmanien?
Der Black War war die intensivste Phase des Konflikts zwischen britischen Kolonisten und Tasmaniens Aboriginal Nations, vor allem von 1824 bis 1832. Siedler, Soldaten, Polizisten und Sträflinge verdrängten und töteten Aboriginals, die sich gegen Landraub wehrten. Gouverneur George Arthur verhängte am 1. November 1828 das Kriegsrecht; anschließend wurden Überlebende gefangen und nach Flinders Island deportiert.
Wie viele Menschen starben im Black War?
Nicholas Clements schätzte 2014, dass zwischen 1824 und 1832 etwa 600 bis 900 Aboriginals und mehr als 200 Kolonisten getötet wurden. Die indigene Gesamtsterblichkeit seit Beginn der britischen Besetzung 1803 lag höher, weil Krankheiten, Hunger, Vertreibung und die tödlichen Bedingungen der Internierung in Wybalenna nicht vollständig in diesen Konfliktzahlen enthalten sind.
War der Black War ein Genozid?
Viele Historiker, darunter Lyndall Ryan, Henry Reynolds und Nicholas Clements, ordnen die Vernichtung als Genozid ein. Entscheidend sind das wiederholte Töten, die Zerstörung der Lebensgrundlagen, staatliche Zwangsumsiedlung und die Deportation von ungefähr 200 Überlebenden nach Wybalenna zwischen 1830 und 1835. Bis 1847 überlebten dort nur 47 Menschen, die anschließend nach Oyster Cove gebracht wurden.
Was war die Black Line von 1830?
Die „Black Line“ war eine von Gouverneur George Arthur im Oktober und November 1830 organisierte Menschenkette aus etwa 2.200 Soldaten, Siedlern und Sträflingen. Sie sollte Aboriginals aus den besiedelten Distrikten auf die Tasman-Halbinsel treiben. Die kostspielige Operation nahm zwei Männer fest; einer entkam. Politisch demonstrierte sie dennoch die staatliche Mobilisierung zur ethnischen Vertreibung.
Sind Tasmaniens Aboriginals ausgestorben?
Nein. Die Behauptung, mit Truganinis Tod 1876 sei die indigene Bevölkerung Tasmaniens ausgestorben, ist falsch und rassistisch. Palawa-Gemeinschaften überlebten insbesondere auf den Bass-Strait-Inseln und bewahrten familiäre, kulturelle und politische Kontinuität. Heute vertreten unter anderem das Tasmanian Aboriginal Centre und der Aboriginal Land Council of Tasmania Forderungen nach Landrechten, Rückführungen und Anerkennung.

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