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Britische Konzentrationslager im Zweiten Burenkrieg

Wie Großbritannien im Zweiten Burenkrieg Zivilisten internierte: Lagerpolitik, Todeszahlen, Profite, Widerstand und koloniale Erinnerung.

Großbritannien internierte im Zweiten Burenkrieg (1899–1902) mehr als 200.000 Zivilisten in einem getrennten Lagersystem für burische und schwarze Afrikaner. Hunger, Überbelegung, mangelhafte Hygiene und Krankheiten töteten mindestens rund 46.000 Menschen: 27.927 in den weißen Lagern und nach späteren Forschungen mindestens 18.000 bis über 20.000 in den Lagern für Schwarze.

Die Lager waren kein Vernichtungsprogramm nach dem Muster späterer nationalsozialistischer Lager. Sie waren jedoch ein bewusst geschaffenes Instrument kolonialer Kriegführung: Britische Truppen zerstörten Höfe, beschlagnahmten Vieh und deportierten Familien, um den Guerillakommandos Nahrung, Unterkunft und gesellschaftlichen Rückhalt zu entziehen. Diese Einordnung gehört in die Geschichte britischer Kolonialgewalt, ihrer dokumentierten Gräueltaten und ihrer oft lückenhaften Opferstatistiken.

Das Wichtigste

  • Großbritannien errichtete 1900–1902 ein rassisch getrenntes Lagersystem, um burische Guerillas durch die Internierung ihrer zivilen Lebensgrundlage zu isolieren.
  • In weißen Lagern starben 27.927 Buren, darunter 22.074 Kinder unter 16 Jahren, nach ausgewerteten britischen Verwaltungsregistern.
  • Stowell Kessler ermittelte 2012 mindestens 18.003 schwarze Todesopfer und hielt eine Gesamtzahl von über 20.000 für wahrscheinlich.
  • Hofzerstörung, Deportation, schlechte Rationen und mangelhafte Hygiene machten Masern, Typhus und Ruhr zu massenhaften Todesursachen.
  • Emily Hobhouses Bericht und die Fawcett-Kommission erzwangen 1901 Reformen, nach denen die Sterblichkeit in den weißen Lagern deutlich sank.

Was geschah: verbrannte Erde, Deportation und Lager

Nach britischen Niederlagen gegen mobile burische Kommandos verschärfte Oberbefehlshaber Lord Kitchener ab Ende 1900 die Strategie der „verbrannten Erde“. Bis zum Kriegsende 1902 zerstörten britische Kolonnen nach zeitgenössischen britischen Angaben etwa 30.000 Farmhäuser und mehr als 40 Städte beziehungsweise Dörfer; außerdem wurden Viehbestände getötet oder beschlagnahmt. Familien der Kämpfer verloren Nahrung und Unterkunft und wurden in bewachte Lager transportiert.

Datum Maßnahme oder Wendepunkt Verantwortliche Institution
Oktober 1899 Beginn des Zweiten Burenkriegs Britisches Empire; Südafrikanische Republik; Oranje-Freistaat
September 1900 Erste britische „refugee camps“; bald systematische Internierung Britische Militärverwaltung
November 1900 Kitchener übernimmt den Oberbefehl und intensiviert Hofzerstörungen Lord Kitchener; British Army
Juni 1901 Veröffentlichung von Emily Hobhouses Lagerbericht South African Women and Children Distress Fund
August–Dezember 1901 Höhepunkt der Sterblichkeit; im Oktober 1901 sterben 3.205 Menschen in weißen Lagern Britische Lagerverwaltung
31. Mai 1902 Frieden von Vereeniging beendet den Krieg Britisches Empire und Burenrepubliken

Die Lager waren keine improvisierte Nebenfolge. Registrierung, Rationen, Bewachung und Arbeitszwang machten sie zu einer administrativen Infrastruktur der Aufstandsbekämpfung. Familien von Buren, die weiterkämpften, konnten schlechtere Rationen erhalten als Angehörige sogenannter „hands-uppers“, die sich ergeben hatten.

„The children are terribly emaciated, and the little suffering faces are painful to see.“ — Emily Hobhouse, 1901, Report of a Visit to the Camps of Women and Children in the Cape and Orange River Colonies

Der Mechanismus der Internierung

Die Gewaltkette bestand aus planbaren Schritten:

  1. Britische Kolonnen räumten ländliche Gebiete und verbrannten Häuser, Ernten und Vorräte.
  2. Sie töteten oder beschlagnahmten Vieh und zerstörten damit die materielle Basis der Farmwirtschaft.
  3. Frauen, Kinder, alte Menschen und schwarze Landarbeiter wurden per Wagen oder Eisenbahn deportiert.
  4. Die Militärverwaltung trennte weiße Buren von schwarzen Afrikanern und verteilte unzureichende Rationen.
  5. Überbelegte Zelte, verunreinigtes Wasser und fehlende sanitäre Anlagen begünstigten Masern, Typhus, Ruhr und Lungenkrankheiten.
  6. Schwarze Internierte mussten vielfach für das Militär, auf Farmen oder an Eisenbahnlinien arbeiten und teilweise ihre Nahrung selbst erwirtschaften.

Die Fawcett-Kommission, eine von der britischen Regierung 1901 entsandte Frauendelegation unter Millicent Garrett Fawcett, bestätigte wesentliche Befunde Hobhouses. Sie empfahl bessere Hygiene, medizinische Versorgung und Ernährung. Nach der Übertragung der weißen Lager von militärischer an zivile Verwaltung im November 1901 sank die Sterblichkeit deutlich. Dass organisatorische Änderungen rasch Leben retteten, zeigt: Das vorherige Massensterben war nicht unvermeidbar.

Die Zahlen: Internierte und Tote

Für weiße Lager existieren vergleichsweise dichte amtliche Register. Die häufig zitierte Endsumme beträgt 27.927 gestorbene Buren, darunter 22.074 Kinder unter 16 Jahren; sie beruht auf britischen Lagerstatistiken, die Elizabeth van Heyningen 2013 kritisch ausgewertet hat. Rund 115.000 bis 116.000 weiße Zivilisten waren bis 1902 mindestens zeitweise interniert.

Für schwarze Lager ist die Überlieferung fragmentarischer. Peter Warwick veranschlagte 1983 rund 14.154 Tote; Stowell Kessler rekonstruierte 2012 mindestens 18.003 und hielt über 20.000 für wahrscheinlich. Etwa 107.000 bis 115.000 schwarze Afrikaner wurden zwischen 1901 und 1902 interniert. Die niedrigeren zeitgenössischen Zahlen spiegeln fehlende Register, Untererfassung und koloniale Geringschätzung schwarzen Lebens.

Gruppe Internierte 1901–1902 Todesfälle Grundlage der Schätzung
Weiße Buren ca. 115.000–116.000 27.927 Britische Register; van Heyningen, 2013
Davon Kinder unter 16 Jahren nicht separat vollständig beziffert 22.074 Britische Register; van Heyningen, 2013
Schwarze Afrikaner ca. 107.000–115.000 14.154 Warwick, 1983
Schwarze Afrikaner, revidiert ca. 107.000–115.000 mindestens 18.003; wahrscheinlich über 20.000 Kessler, 2012
Gesamt mehr als 200.000 mindestens 45.930; plausibel über 47.900 27.927 plus Kesslers Bandbreite, 2012–2013

Dokumentierte Todesfälle in britischen Lagern 1901 bis 1902Weiße Buren: 27.927 Tote. Schwarze Afrikaner: mindestens 18.003, wahrscheinlich über 20.000 Tote.Todesfälle 1901–1902Weiße Buren27.927Schwarze: Minimum18.003Schwarze: wahrscheinlichüber 20.000010.00020.00030.000

Key facts

  • Mindestens rund 46.000 Zivilisten starben 1901–1902 im britischen Lagersystem.
  • Kinder stellten mit 22.074 registrierten Toten den größten Teil der weißen Opfer.
  • Die schwarze Todeszahl bleibt wegen zerstörter, fehlender oder nie geführter Akten eine Mindestschätzung.
  • Krankheiten waren die unmittelbare Haupttodesursache; Deportation, Unterernährung und Verwaltungsversagen schufen ihre tödlichen Bedingungen.

Wer profitierte und wer die Kosten trug

Die unmittelbaren Gewinne waren strategisch: Die britische Armee isolierte Guerillas, kontrollierte Arbeitskräfte und brachte Land, Vieh und Verkehrswege unter imperiale Herrschaft. Nach dem Frieden von 1902 übernahm Großbritannien die rohstoffreichen Burenrepubliken. Die Goldminen am Witwatersrand waren dabei zentral: Transvaals Goldproduktion hatte 1898 rund 4,3 Millionen Feinunzen erreicht; der Wert lag nach damaligen Branchenstatistiken bei ungefähr 16 Millionen Pfund Sterling im Jahr 1898.

Wirtschaftsdaten Menge oder Wert Jahr und Quelle
Goldförderung Transvaal ca. 4,3 Mio. Feinunzen, rund 134 Tonnen 1898; südafrikanische Bergbaustatistiken
Goldwert Transvaal ca. £16 Mio. 1898; zeitgenössische Chamber-of-Mines-Reihen
Britische Kriegsausgaben etwa £211 Mio.–£217 Mio. 1899–1902; unterschiedliche Parlaments- und Historikerschätzungen
Wiederaufbauhilfe für Buren £3 Mio. 1902; Artikel X, Frieden von Vereeniging

Bergbauhäuser wie Consolidated Gold Fields und die von Cecil Rhodes und Alfred Beit geprägten Randlords profitierten langfristig von einem britisch kontrollierten Arbeits- und Investitionsregime. Die Lager waren dennoch keine bloße Bergbau-Unternehmung: Ihr unmittelbarer militärischer Zweck war die Zerschlagung der Guerillabasis. Die Kosten trugen deportierte Familien und besonders schwarze Pächter, Arbeiter und Landbewohner, deren Verluste nach 1902 kaum entschädigt wurden.

Widerstand, Untersuchung und Erinnerungspolitik

Emily Hobhouse besuchte zwischen Januar und April 1901 Lager im Oranje-Freistaat und in der Kapkolonie. Ihr Bericht machte Unterernährung, fehlende Seife und medizinische Not in Großbritannien öffentlich. Aktivistinnen, Teile der liberalen Opposition und die pro-burische Bewegung zwangen die Regierung zu reagieren. Die Fawcett-Kommission bestätigte 1901 die katastrophalen Zustände, vermied aber eine grundsätzliche Verurteilung der Internierungspolitik.

Das Lagersystem war kein Unfall am Rand des Krieges, sondern verband militärische Räumung, zivile Gefangenschaft und rassisch getrennte Verwaltung.

Afrikanische Internierte widersetzten sich durch Flucht, Arbeitsverweigerung, Petitionen und das Umgehen von Lagerregeln; ihre Namen und Stimmen wurden deutlich seltener archiviert. In der weißen afrikaansen Erinnerung wurden die „Konzentrationskampe“ zu einem Gründungsmythos des Nationalismus. Dieser erinnerte burische Frauen und Kinder, blendete aber schwarze Opfer häufig aus und diente später dazu, Afrikaaner-Herrschaft zu legitimieren.

Britische Darstellungen sprachen lange von humanitären „Flüchtlingslagern“ und behandelten Krankheiten als Naturereignis. Neuere Forschung widerlegt diese Entlastung: Epidemien waren biologisch, ihre massenhafte Wirkung jedoch politisch produziert. Erinnerung ohne schwarze Lager reproduziert die damalige rassistische Quellenordnung.

Was es heute bedeutet

Die Lager von 1900–1902 zeigen, wie koloniale Staaten Zivilisten durch Umsiedlung, Nahrungsentzug, Datenerfassung und rassisch hierarchisierte Fürsorge zu militärischen Zielobjekten machen. Sie markieren einen wichtigen Entwicklungsschritt moderner Internierungs- und Aufstandsbekämpfungspolitik, ohne eine lineare Vorstufe des Holocaust zu sein.

Für heutige Forschung folgen daraus drei Pflichten: Opferzahlen als Bandbreiten ausweisen, schwarze Internierte nicht als Fußnote behandeln und wirtschaftliche Interessen von der unmittelbaren militärischen Kausalität unterscheiden. Die gesicherten Zahlen, ihre Lücken und die zugrunde liegenden Register gehören deshalb gemeinsam in eine überprüfbare Datenkritik.

Quellen und weiterführende Literatur

Häufige Fragen

Wie viele Menschen starben in britischen Konzentrationslagern im Zweiten Burenkrieg?
Mindestens rund 45.930 Menschen starben 1901–1902: 27.927 weiße Buren nach britischen Registern und mindestens 18.003 schwarze Afrikaner nach Stowell Kesslers Rekonstruktion von 2012. Kessler hielt über 20.000 schwarze Tote für wahrscheinlich, womit die Gesamtzahl über 47.900 läge. Unter den weißen Opfern waren 22.074 Kinder unter 16 Jahren.
Warum errichtete Großbritannien Konzentrationslager in Südafrika?
Die britische Armee wollte ab 1900 den burischen Guerillakommandos Nahrung, Unterkunft und gesellschaftliche Unterstützung entziehen. Unter Lord Kitchener zerstörten Truppen etwa 30.000 Farmhäuser, beschlagnahmten Vieh und deportierten Familien. Mehr als 200.000 weiße und schwarze Zivilisten wurden bis 1902 in getrennte Lager gebracht. Die Internierung war Teil einer systematischen Aufstandsbekämpfung, keine reine Flüchtlingshilfe.
Waren die britischen Lager Vernichtungslager?
Nein. Die Lager von 1900–1902 waren keine Vernichtungslager nach dem Modell des nationalsozialistischen Holocaust und besaßen kein Programm industrieller Tötung. Dennoch schuf die britische Regierung wissentlich ein Zwangssystem aus Deportation, Überbelegung und unzureichender Versorgung. Mindestens rund 46.000 Menschen starben. Die schnelle Verbesserung nach Reformen ab November 1901 zeigt, dass viele Todesfälle vermeidbar waren.
Welche Rolle spielte Emily Hobhouse?
Emily Hobhouse besuchte von Januar bis April 1901 mehrere Lager und dokumentierte Hunger, Krankheiten, fehlende Seife und sterbende Kinder. Ihr im Juni 1901 veröffentlichter Bericht löste in Großbritannien politischen Druck aus. Die Regierung entsandte daraufhin die von Millicent Garrett Fawcett geleitete Kommission, die Hobhouses zentrale Befunde bestätigte und konkrete Verbesserungen bei Hygiene, Ernährung und medizinischer Versorgung verlangte.
Warum sind die Todeszahlen schwarzer Lagerinsassen unsicher?
Britische Behörden führten 1901–1902 die schwarzen Lager schlechter, registrierten Todesfälle unvollständig und vernichteten oder verloren Akten. Peter Warwick schätzte 1983 rund 14.154 Tote; Stowell Kessler ermittelte 2012 mindestens 18.003 und hielt über 20.000 für wahrscheinlich. Die Unsicherheit ist daher kein Beleg für geringe Verluste, sondern eine Folge rassistisch ungleicher Verwaltung und Überlieferung.

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