Herero- und Nama-Genozid in Deutsch-Südwestafrika
Fakten zum Herero- und Nama-Genozid 1904–1908: Vernichtungsbefehl, Lager, Opferzahlen, Profiteure, Widerstand und deutsche Anerkennung.

Der Herero- und Nama-Genozid war die vom Deutschen Kaiserreich verübte Vernichtungspolitik gegen die OvaHerero und Nama in Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia. Zwischen 1904 und 1908 führten Krieg, Vertreibung in wasserarme Gebiete, Zwangsarbeit, Internierung, Hunger, Krankheit und Misshandlung zum Tod Zehntausender Menschen.
Die Kolonialherrschaft hatte Land und Vieh enteignet, Schuldenabhängigkeit verschärft und rassistische Gewalt institutionalisiert. Nach den Aufständen von 1904 machte Generalleutnant Lothar von Trotha aus einem Kolonialkrieg ein Vernichtungsprogramm. Dieser Hub ordnet Tatablauf, Opferzahlen, wirtschaftliche Interessen, Widerstand und Erinnerung in die Geschichte deutscher Kolonialverbrechen ein.
Das Wichtigste
- Das Deutsche Kaiserreich verübte zwischen 1904 und 1908 durch Vertreibung, Lager, Zwangsarbeit, Hunger und Tötungen den Genozid an Herero und Nama.
- Forschungen schätzen 40.000 bis 80.000 getötete Herero; die häufig zitierte Zahl für getötete Nama beträgt etwa 10.000.
- Lothar von Trothas Vernichtungsbefehl vom 2. Oktober 1904 erklärte Herero unabhängig von Alter, Bewaffnung oder Geschlecht zu militärischen Zielen.
- Deutsche Siedler, Kolonialbehörden und Unternehmen profitierten von enteignetem Land, geraubtem Vieh und der Zwangsarbeit internierter Überlebender.
- Deutschlands Anerkennung von 2021 sah 1,1 Milliarden Euro über 30 Jahre vor, wurde von Opfervertretungen jedoch als unzureichend kritisiert.
Was geschah: Enteignung, Vernichtungsbefehl und Lager
Deutschland erklärte Südwestafrika 1884 zum „Schutzgebiet“. Siedler, Händler und Kolonialbehörden eigneten sich Land, Wasserstellen und Vieh an; Verträge, Kredite und Gewalt verdrängten afrikanische Gemeinschaften. Am 12. Januar 1904 begann unter Samuel Maharero der Herero-Aufstand. Nach der Schlacht am Waterberg am 11. August 1904 trieben deutsche Truppen Überlebende ostwärts in das wasserarme Omaheke-Gebiet und sperrten Rückwege sowie Wasserstellen.
„Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen.“ — Generalleutnant Lothar von Trotha, „Aufruf an das Volk der Herero“, 2. Oktober 1904.
Der sogenannte Vernichtungsbefehl wurde im Dezember 1904 auf Berliner Weisung aufgehoben; die Verfolgung endete damit nicht. Gefangene Herero und später Nama kamen in Lager, darunter Shark Island bei Lüderitz, Swakopmund und Windhoek. Dort wirkten Zwangsarbeit, unzureichende Ernährung, Kälte, Krankheiten und Prügel zusammen. Menschliche Überreste wurden für rassistische Forschung nach Deutschland verschickt.
| Datum | Ereignis | Bedeutung |
|---|---|---|
| 24. April 1884 | Deutscher „Schutz“ für Lüderitz’ Erwerbungen | Ausgangspunkt formeller Kolonialherrschaft |
| 12. Januar 1904 | Herero-Aufstand beginnt | Angriff auf das koloniale Enteignungsregime |
| 11. August 1904 | Schlacht am Waterberg | Militärische Einkesselung und Vertreibung in die Omaheke |
| 2. Oktober 1904 | Trothas Vernichtungsbefehl | Schriftlich erklärte Vertreibung beziehungsweise Tötung aller Herero |
| Oktober 1904 | Nama-Widerstand weitet sich aus | Dezentraler Guerillakrieg unter mehreren Kapteinen |
| Dezember 1904 | Berlin hebt den Befehl auf | Übergang zu Gefangenschaft, Lager- und Zwangsarbeitssystem |
| 1908 | Lager werden geschlossen | Ende der Kernphase des Genozids, nicht der kolonialen Entrechtung |
Die Opferzahlen und ihre Grenzen
Exakte Zahlen fehlen, weil die Kolonialverwaltung Vorkriegsbevölkerungen nur unvollständig erfasste und Tote in der Omaheke nicht systematisch registrierte. Die häufig zitierte Größenordnung lautet 65.000 getötete Herero und 10.000 getötete Nama von 1904 bis 1908. Sie geht auf koloniale Ausgangs- und Nachkriegszahlen zurück und wird unter anderem vom United States Holocaust Memorial Museum wiedergegeben. Breitere Forschungsspannen nennen 40.000 bis 80.000 Herero sowie etwa 10.000 Nama.
| Bevölkerung | Geschätzte Zahl vor 1904 | Überlebende beziehungsweise erfasste Restbevölkerung | Geschätzte Tote 1904–1908 | Quelle/Einordnung |
|---|---|---|---|---|
| Herero | ca. 80.000 im Jahr 1904 | ca. 15.000 im Jahr 1911 | ca. 65.000; Forschungsspanne 40.000–80.000 | Kolonialzählungen; USHMM und Forschungsliteratur |
| Nama | ca. 20.000 im Jahr 1904 | ca. 9.800 im Jahr 1911 | ca. 10.000 | Kolonialzählungen; USHMM |
| Beide Gruppen | ca. 100.000 im Jahr 1904 | ca. 24.800 im Jahr 1911 | ca. 75.000 als häufig zitierte Summe | Rekonstruktion aus lückenhaften Kolonialdaten |
Weitere vergleichbare Datensätze stehen im Archivbereich Daten und Quellen.
Wer profitierte
Der Genozid war mit einer kolonialen Umverteilung von Land, Vieh und Arbeit verbunden. Deutsche Siedler erhielten Zugriff auf enteignete Flächen; Unternehmen und Behörden nutzten Gefangene als billige oder unbezahlte Arbeitskräfte beim Eisenbahnbau, in Häfen, Minen, Farmen und Militäranlagen. Die Deutsche Kolonialgesellschaft für Südwestafrika verfügte über Bergbau- und Landinteressen; die Otavi Minen- und Eisenbahn-Gesellschaft erschloss Kupfervorkommen und Verkehrswege.
Die wirtschaftliche Bilanz lässt sich nicht auf eine einzige Gewinnsumme reduzieren: Unternehmensakten, staatliche Ausgaben und enteignete Vermögenswerte sind unterschiedlich überliefert. Sicher ist die Größenordnung der Landverschiebung. Bis 1913 kontrollierten europäische Siedler rund 13,4 Millionen Hektar Farmland; diese Zahl nennt der Historiker Jürgen Zimmerer auf Grundlage kolonialer Landstatistik.
Key facts
- Rund 13,4 Millionen Hektar Farmland standen 1913 unter europäischer Siedlerkontrolle, nach Enteignung und Vertreibung afrikanischer Eigentümer.
- Ab 1905 zwang die Kolonialordnung überlebende Herero und Nama zu Passkontrolle, Arbeitsverträgen und räumlicher Überwachung.
- Gefangene arbeiteten von 1904 bis 1908 für Staat, Militär, Eisenbahnen, Hafenbetriebe, Farmen und private Firmen.
- Enteignet wurden nicht nur Böden, sondern auch Vieh, Wasserrechte, politische Selbstständigkeit und die Möglichkeit eigenständiger Existenzsicherung.
Der Genozid war nicht bloß militärische „Vergeltung“; er reorganisierte Eigentum und Arbeit zugunsten des kolonialen Staates, deutscher Siedler und Unternehmen.
Widerstand und deutsche Gegenstrategie
Der Widerstand war weder einheitlich noch passiv. Samuel Maharero koordinierte 1904 Angriffe auf koloniale Infrastruktur und Farmen; überlieferte Anweisungen verlangten, Frauen, Kinder, Missionare und bestimmte Nichtdeutsche zu verschonen. Nach Waterberg entzogen sich Gruppen der Verfolgung oder versuchten, britisches Betschuanaland zu erreichen.
Die Nama führten ab Oktober 1904 einen beweglichen Guerillakrieg. Hendrik Witbooi, Jakob Morenga, Cornelius Fredericks und weitere Kapteine nutzten Ortskenntnis, kleine Verbände und Angriffe auf Nachschubwege. Das deutsche Militär reagierte mit Hinrichtungen, Kollektivstrafen, Internierung und der Zerstörung materieller Lebensgrundlagen.
- Januar 1904: Herero greifen Symbole und Stützpunkte der Kolonialherrschaft an.
- August 1904: Deutsche Verbände unter Trotha zerschlagen die Stellung am Waterberg, können jedoch nicht alle Kämpfer einschließen.
- Oktober 1904: Nama-Verbände eröffnen eine neue Widerstandsphase im Süden.
- Oktober 1905: Hendrik Witbooi fällt im Gefecht bei Fahlgras; der Widerstand dauert unter anderen Führern an.
- September 1907: Jakob Morenga wird von südafrikanischen Polizeikräften im britischen Kapgebiet getötet.
Diese Geschichte gehört in eine Gesamtdarstellung von Kolonialismus, Widerstand und Befreiung, nicht in eine Erzählung deutscher „Befriedung“.
Leugnung, Anerkennung und Erinnerung
Das Kaiserreich bezeichnete die Gewalt als Krieg und „Aufstandsniederschlagung“. Nach 1918 blieb koloniale Nostalgie in Deutschland politisch wirksam. Erst 2004 bat Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul bei einer Gedenkfeier am Waterberg um Vergebung und erklärte, die damaligen Taten würden heute als Genozid bezeichnet.
2015 verwendete die Bundesregierung den Begriff Genozid offiziell. Nach Verhandlungen mit Namibia erklärten beide Regierungen am 28. Mai 2021, Deutschland erkenne die Ereignisse aus heutiger Perspektive als Völkermord an und wolle über 30 Jahre 1,1 Milliarden Euro für Entwicklungsprogramme bereitstellen. Das entsprach durchschnittlich rund 36,7 Millionen Euro jährlich ab 2021, nicht individuellen Reparationen. Vertreter der OvaHerero und Nama kritisierten fehlende direkte Beteiligung, die Formulierung und den Reparationsausschluss. Bis August 2026 war die Gemeinsame Erklärung weiterhin politisch umstritten und nicht als abschließender Versöhnungsvertrag wirksam geworden.
Rückgaben menschlicher Überreste aus deutschen Sammlungen fanden 2011, 2014 und 2018 statt. Sie machten sichtbar, dass koloniale Gewalt auch Universitäten, Museen, Anatomie und Rassenforschung verband. Erinnerung verlangt daher Provenienzforschung, Rückgabe, zugängliche Archive und Mitsprache der Nachfahren — nicht nur staatliche Zeremonien.
Was der Genozid heute bedeutet
Der Fall zeigt, wie Siedlungskolonialismus in Genozid übergehen kann: rassistische Hierarchisierung, Landraub, militärische Einschließung, Vertreibung in tödliche Umweltbedingungen, Lager und Zwangsarbeit bildeten eine zusammenhängende Gewaltordnung. Die UN-Völkermordkonvention entstand erst 1948 und gilt nicht rückwirkend; historisch wird die Vernichtungsabsicht dennoch durch Befehle, Praxis und demografische Folgen belegt.
Im heutigen Namibia wirken koloniale Besitzverhältnisse fort. Landreform, Reparationen und die Vertretung von Herero- und Nama-Gemeinschaften bleiben Streitpunkte. Für Deutschland betrifft die Verantwortung staatliche Archive, Unternehmensgeschichten, Museumsbestände, Schulunterricht und materielle Wiedergutmachung. Anerkennung ohne gleichberechtigte Verhandlung und ohne Auseinandersetzung mit enteignetem Vermögen bleibt unvollständig.
Quellen und weiterführende Literatur
- United States Holocaust Memorial Museum: Herero and Nama Genocide
- Bundeszentrale für politische Bildung: Der Völkermord an den Herero und Nama
- Deutsches Historisches Museum: Deutscher Kolonialismus
- Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit: Gemeinsame Erklärung mit Namibia, 2021
- Encyclopaedia Britannica: Herero Wars
- Jürgen Zimmerer und Joachim Zeller: Völkermord in Deutsch-Südwestafrika
Häufige Fragen
- Wie viele Herero und Nama wurden im Genozid getötet?
- Für 1904 bis 1908 nennt die Forschung 40.000 bis 80.000 getötete Herero und etwa 10.000 getötete Nama. Häufig wird auf Grundlage kolonialer Bevölkerungsrekonstruktionen von rund 65.000 Herero- und 10.000 Nama-Toten gesprochen. Die Spannen entstehen durch unvollständige Vorkriegszählungen und fehlende Registrierung der in der Omaheke und in Lagern Verstorbenen.
- Wer befahl die Vernichtung der Herero?
- Generalleutnant Lothar von Trotha, Oberbefehlshaber der deutschen „Schutztruppe“, erließ am 2. Oktober 1904 seinen Vernichtungsbefehl. Darin erklärte er, jeder Herero werde innerhalb der Kolonie erschossen. Berlin ließ den Befehl im Dezember 1904 aufheben; Vertreibung, Internierung, Zwangsarbeit, Hunger und tödliche Lagerbedingungen setzten sich dennoch bis 1908 fort.
- Warum gilt die Gewalt gegen Herero und Nama als Genozid?
- Die deutsche Kriegführung zielte 1904 bis 1908 auf die Zerstörung wesentlicher Teile der Herero- und Nama-Gemeinschaften. Belege sind Trothas Befehl vom 2. Oktober 1904, die Abriegelung der Omaheke, die Verweigerung von Wasser, Lager, Zwangsarbeit und massive Bevölkerungsverluste. Obwohl die UN-Konvention erst 1948 beschlossen wurde, ist die historische Einordnung als Genozid breit etabliert.
- Hat Deutschland Reparationen an Herero und Nama gezahlt?
- Deutschland und Namibia vereinbarten am 28. Mai 2021 Entwicklungsprogramme im Umfang von 1,1 Milliarden Euro über 30 Jahre. Die Bundesregierung bezeichnete diese Mittel ausdrücklich nicht als rechtliche Reparationen. OvaHerero- und Nama-Vertretungen kritisierten ihre unzureichende Beteiligung, den fehlenden individuellen Anspruch und die staatliche Verhandlungsstruktur. Bis August 2026 blieb die Gemeinsame Erklärung umstritten.
- Was war das Konzentrationslager Shark Island?
- Shark Island bei Lüderitz war von 1905 bis 1907 eines der tödlichsten deutschen Gefangenenlager in Südwestafrika. Internierte Nama und Herero mussten unter extremem Wind, Kälte, Hunger, Krankheiten und Misshandlungen Zwangsarbeit leisten. Genaue Todeszahlen sind wegen mangelhafter Registrierung unsicher; historische Untersuchungen beschreiben Sterberaten von über 60 Prozent unter zeitweise dort festgehaltenen Gefangenengruppen.
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