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Nelson Mandela: Vom Gefangenen zum Präsidenten

Nelson Mandelas Weg vom Rivonia-Prozess über 27 Jahre Haft bis zur Präsidentschaft und sein Anteil an Apartheid, Befreiung und Versöhnung.

Nelson Mandela: Vom Gefangenen zum Präsidenten
Wikimedia Commons / Wikipedia — Nelson Mandela

Nelson Rolihlahla Mandela (1918–2013) war weder der alleinige Befreier Südafrikas noch bloß ein versöhnlicher Staatsmann. Als führendes Mitglied des African National Congress (ANC) half er 1961, nach Jahrzehnten staatlicher Gewalt, dessen bewaffneten Arm Umkhonto we Sizwe (MK) aufzubauen. Das Apartheidregime hielt ihn von 1962 bis 1990 insgesamt 27 Jahre gefangen. Am 10. Mai 1994 wurde er nach der ersten allgemeinen, nicht nach „Rasse“ beschränkten Wahl Südafrikas zum ersten schwarzen Präsidenten des Landes vereidigt.

Sein Weg vom Rivonia-Prozess zur Präsidentschaft war Teil eines Massenkampfes: getragen von Streiks, Aufständen, internationalen Sanktionen und Millionen Menschen, deren Namen weniger bekannt sind. Mandela trug entscheidend zum ausgehandelten Ende der weißen Minderheitsherrschaft bei; seine Regierung von 1994 bis 1999 errichtete eine verfassungsmäßige Demokratie, beseitigte jedoch die extreme wirtschaftliche Ungleichheit nicht.

Das Wichtigste

  • Nelson Mandela wurde 1964 zu lebenslanger Haft verurteilt und 1990 nach mehr als 27 Jahren Gefangenschaft freigelassen.
  • Seine Präsidentschaft von 1994 bis 1999 beendete gesetzliche weiße Vorherrschaft, nicht aber Südafrikas kolonial geprägte Eigentums- und Vermögensordnung.
  • Der demokratische Übergang entstand aus Massenwiderstand, Gewerkschaftsarbeit, bewaffnetem Kampf, internationalen Sanktionen und Verhandlungen, nicht durch Mandela allein.
  • Die Wahl von 1994 brachte dem ANC 62,65 Prozent und Mandela das Präsidentenamt in einer Regierung der nationalen Einheit.
  • Die Wahrheits- und Versöhnungskommission dokumentierte mehr als 21.000 Opfer schwerer Menschenrechtsverletzungen, verband Aufklärung jedoch mit begrenzter Strafverfolgung.

Apartheid, Widerstand und Rivonia-Prozess

Apartheid war ein staatliches Herrschafts- und Ausbeutungssystem. Der Population Registration Act von 1950 klassifizierte Menschen nach zugeschriebener „Rasse“; der Group Areas Act von 1950 regelte räumliche Trennung und Enteignung. Zwischen 1960 und 1983 wurden laut Surplus People Project etwa 3,5 Millionen Menschen durch Umsiedlungen vertrieben. Passgesetze kontrollierten schwarze Arbeitskräfte und sicherten Bergwerken, Landwirtschaft und Industrie billige, rechtlich entrechtete Arbeit.

Mandela trat 1944 dem ANC bei und gründete mit Oliver Tambo und Walter Sisulu dessen Jugendliga mit. Nach dem Massaker von Sharpeville am 21. März 1960, bei dem die Polizei nach amtlicher Bilanz 69 Menschen tötete und 180 verletzte, verbot die Regierung den ANC und den Pan Africanist Congress. Mandela wurde 1961 erster Oberbefehlshaber des MK. Dessen anfängliche Strategie richtete Sabotage gegen Infrastruktur und sollte Todesopfer vermeiden; sie entstand, nachdem legale Massenpolitik systematisch unterdrückt worden war.

Datum Ereignis Konkrete Folge
5. August 1962 Festnahme nahe Howick 7. November 1962: 5 Jahre Haft wegen Ausreise ohne Pass und Streikaufrufs
11. Juli 1963 Razzia auf Liliesleaf Farm Dokumente führen zum Rivonia-Verfahren gegen Mandela und Mitangeklagte
12. Juni 1964 Urteil im Rivonia-Prozess 8 Angeklagte erhalten lebenslange Haft
11. Februar 1990 Freilassung aus Victor Verster Prison Ende von 27 Jahren, 6 Monaten und 6 Tagen Haft seit 1962

„I have cherished the ideal of a democratic and free society in which all persons live together in harmony and with equal opportunities.“ — Nelson Mandela, Schlusswort im Rivonia-Prozess, „Statement from the Dock“, 20. April 1964.

Mehr zum institutionellen Kontext bietet das Archiv unter Geschichte.

Gefängnis, Verhandlungen und demokratischer Übergang

Mandela verbrachte 18 seiner Haftjahre, von 1964 bis 1982, auf Robben Island, danach sechs Jahre im Pollsmoor Prison und ab 1988 rund 14 Monate im Victor Verster Prison. Schwarze Gefangene erhielten anfangs schlechtere Nahrung und Kleidung als als „indisch“ oder „coloured“ klassifizierte Häftlinge. Zwangsarbeit, Zensur, beschränkte Besuche und politische Isolation sollten Widerstand brechen; zugleich wurde das Gefängnis zu einem Ort organisierter Bildung.

1985 bot Präsident P. W. Botha Mandela bedingte Freiheit an, falls er Gewalt als politisches Mittel aufgebe. Mandela lehnte es ab, einseitig auf Widerstand zu verzichten, während staatliche Gewalt und das ANC-Verbot fortbestanden. Ab 1985 führte er zunächst geheime Gespräche mit Regierungsvertretern. Präsident F. W. de Klerk legalisierte am 2. Februar 1990 den ANC und andere verbotene Organisationen und ließ Mandela neun Tage später frei.

  1. Am 4. Mai 1990 verpflichtete das Groote-Schuur-Abkommen Regierung und ANC zu Verhandlungen und zur Freilassung politischer Gefangener.
  2. Am 7. August 1990 setzte der ANC im Pretoria-Protokoll den bewaffneten Kampf aus.
  3. Am 20. Dezember 1991 begann die Convention for a Democratic South Africa (CODESA).
  4. Am 10. April 1993 wurde ANC-Verhandlungsführer Chris Hani ermordet; Mandela rief gegen Vergeltungsgewalt auf.
  5. Vom 26. bis 29. April 1994 stimmten rund 19,7 Millionen Menschen ab; die Wahlbeteiligung betrug laut südafrikanischer Wahlkommission etwa 86,9 Prozent der registrierten Wählerschaft.

Mandela und de Klerk erhielten 1993 gemeinsam den Friedensnobelpreis. Diese Gleichstellung darf die Machtverhältnisse nicht verwischen: De Klerk leitete bis 1994 einen Staat, dessen Sicherheitsorgane Oppositionelle töteten, folterten und verdeckte Gewalt förderten.

Die Zahlen: Gewalt, Wahl und Regierungsbilanz

Politische Gewalt endete nicht mit Mandelas Freilassung. Die Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) registrierte für 1960 bis 1994 mehr als 21.000 Opfer schwerer Menschenrechtsverletzungen; rund 2.000 Menschen sagten öffentlich aus. Das South African Institute of Race Relations verzeichnete für 1990 bis April 1994 etwa 14.000 Tote durch politische Gewalt. Unterschiedliche Definitionen verhindern eine einfache Gesamtsumme.

Kennzahl Jahr oder Zeitraum Zahl und Quelle
Tote in Sharpeville 1960 69, amtliche Untersuchung
Tote beim Soweto-Aufstand 1976 offiziell 23; häufig zitierte Schätzungen 176 bis über 500, u. a. South African History Online
Politisch Getötete 1990–April 1994 etwa 14.000, South African Institute of Race Relations
ANC-Stimmen Wahl 1994 12.237.655 Stimmen beziehungsweise 62,65 %, Independent Electoral Commission
Neu gebaute oder subventionierte Häuser 1994–1999 rund 750.000, südafrikanische Regierung; Qualitäts- und Standortprobleme blieben
Haushalte mit Zugang zu sauberem Wasser 1994–1999 etwa 3 Millionen zusätzliche Menschen, Regierungsbilanz 1999

Stimmenanteile der drei größten Parteien bei Südafrikas Wahl 1994Der ANC erhielt 62,65 Prozent, die National Party 20,39 Prozent und die Inkatha Freedom Party 10,54 Prozent.ANC62,65 %National Party20,39 %Inkatha10,54 %

Key facts

  • Mandela war von 1991 bis 1997 ANC-Präsident und vom 10. Mai 1994 bis 14. Juni 1999 Staatspräsident.
  • Er verbüßte von 1962 bis 1990 mehr als 27 Jahre Haft, davon 18 Jahre auf Robben Island.
  • Die Verfassung von 1996 verankerte gleiche Bürgerrechte, soziale Rechte und eine unabhängige Verfassungsgerichtsbarkeit.
  • Mandelas Regierung übernahm ein Land, dessen Eigentum und Einkommen nach Jahrhunderten kolonialer Enteignung extrem ungleich verteilt waren.

Weitere Vergleichsdaten stehen unter Daten.

Wer profitierte – und was Mandelas Regierung nicht umverteilte

Von Apartheid profitierten weiße Landbesitzer, Bergbaukonzerne und Finanzhäuser. Anglo American, De Beers, Gold Fields und staatlich geschützte Industrien nutzten ein Arbeitsregime, in dem schwarze Beschäftigte durch Passgesetze, Wanderarbeit und gewerkschaftliche Repression kontrolliert wurden. Der Natives Land Act von 1913 beschränkte afrikanischen Landbesitz zunächst auf etwa 7 Prozent des Territoriums; der Native Trust and Land Act erweiterte die vorgesehenen Gebiete 1936 auf ungefähr 13 Prozent, obwohl Schwarze die Bevölkerungsmehrheit stellten.

Mandelas Regierung führte 1994 das Reconstruction and Development Programme (RDP) für Wohnen, Wasser, Strom und Gesundheit ein. Doch ab 1996 setzte die Growth, Employment and Redistribution Strategy stärker auf Haushaltsdisziplin, Liberalisierung und Investorenvertrauen. Eine umfassende Enteignung großer Vermögen oder Bergbaukonzerne blieb aus. Das Landreformziel von 1994, bis 1999 insgesamt 30 Prozent des Agrarlands umzuverteilen, wurde klar verfehlt; staatliche Angaben bezifferten die tatsächlich übertragenen Flächen bis 1999 auf unter 1 Prozent.

1995 schuf das Parlament die TRC unter Vorsitz von Desmond Tutu. Sie konnte individuelle Amnestie gewähren, wenn Antragsteller politisches Motiv und vollständige Offenlegung nachwiesen. Von 7.112 Amnestieanträgen wurden 849 bewilligt, wie die TRC nach Abschluss ihres Verfahrens 2003 berichtete. Opfer erhielten Anerkennung und teils Reparationen; Unternehmen, Befehlsketten und strukturelle Profiteure wurden weit seltener haftbar gemacht.

Widerstand, Erinnerung und der Mythos vom Einzelhelden

Mandela wurde zur globalen Chiffre, doch Apartheid fiel durch kollektiven Druck. Dazu gehörten die Defiance Campaign von 1952, die Frauenmärsche von 1956, der Black-Consciousness-Aufbruch um Steve Biko, der Soweto-Aufstand von 1976, Gewerkschaften, United Democratic Front, kirchlicher Widerstand, MK sowie internationale Boykotte und Kapitalabzüge. Die Vereinten Nationen verhängten 1977 mit Resolution 418 ein verbindliches Waffenembargo; die Comprehensive Anti-Apartheid Act der USA von 1986 wurde gegen das Veto Ronald Reagans beschlossen.

Die Erzählung vom einzelnen Versöhner kann jene Massenbewegungen unsichtbar machen, die das Regime unregierbar und international kostspielig machten.

Auch Mandelas Bilanz verlangt Nüchternheit. Seine Präsidentschaft schützte demokratische Institutionen und vermied einen befürchteten Bürgerkrieg. Zugleich verschärfte sich die HIV/AIDS-Krise: Die geschätzte HIV-Prävalenz unter Erwachsenen im Alter von 15 bis 49 Jahren stieg nach UNAIDS-Modellreihen von etwa 7,6 Prozent im Jahr 1994 auf etwa 12,6 Prozent im Jahr 1999. Mandela räumte später ein, während seiner Amtszeit nicht energisch genug reagiert zu haben. Sein Sohn Makgatho starb 2005 im Alter von 54 Jahren an einer AIDS-bedingten Erkrankung; Mandela machte die Ursache öffentlich.

Heute wird sein Erbe sowohl zur Verteidigung der Verfassung als auch zur Entpolitisierung von Forderungen nach Land, Arbeit und Reparationen benutzt. Sinnvolle Erinnerung fragt deshalb nicht nur, ob Mandela vergeben konnte, sondern wer Macht abgab, wer Eigentum behielt und welche Gewalt ungesühnt blieb. Dokumentation weiterer staatlicher Verbrechen findet sich unter Gräueltaten.

Quellen und weiterführende Literatur

Die folgenden Quellen verbinden Primärdokumente, institutionelle Datensätze und historische Forschung:

Häufige Fragen

Warum wurde Nelson Mandela inhaftiert?
Mandela wurde am 5. August 1962 festgenommen und zunächst zu fünf Jahren Haft verurteilt. Im Rivonia-Prozess erklärte ihn das Gericht am 12. Juni 1964 der Sabotage und Verschwörungsdelikte für schuldig und verhängte lebenslange Haft. Die Anklage beruhte auf seiner führenden Rolle im ANC und in Umkhonto we Sizwe, das 1961 nach der gewaltsamen Unterdrückung legaler Opposition gegründet worden war.
Wie lange war Nelson Mandela im Gefängnis?
Nelson Mandela war vom 5. August 1962 bis zum 11. Februar 1990 insgesamt 27 Jahre, 6 Monate und 6 Tage inhaftiert. Davon verbrachte er 18 Jahre, von 1964 bis 1982, auf Robben Island. Danach folgten Pollsmoor Prison und ab Dezember 1988 Victor Verster Prison, aus dem Präsident F. W. de Klerk ihn freiließ.
Wann wurde Nelson Mandela Präsident Südafrikas?
Mandela wurde am 10. Mai 1994 als Präsident vereidigt und amtierte bis zum 14. Juni 1999. Bei der Wahl vom 26. bis 29. April 1994 erhielt der ANC nach Angaben der Independent Electoral Commission 12.237.655 Stimmen beziehungsweise 62,65 Prozent. Es war Südafrikas erste nationale Wahl mit allgemeinem Wahlrecht ohne rassistische Ausschlüsse.
Hat Nelson Mandela die Apartheid allein beendet?
Nein. Mandela war ein zentraler Führungs- und Verhandlungsakteur, aber das Ende der Apartheid beruhte auf jahrzehntelangem kollektivem Widerstand. Dazu gehörten ANC und Pan Africanist Congress, Gewerkschaften, Black Consciousness, United Democratic Front, Schülerproteste, internationale Boykotte und Sanktionen. Zwischen 1990 und April 1994 starben laut South African Institute of Race Relations etwa 14.000 Menschen bei politischer Gewalt.
Was blieb nach Mandelas Präsidentschaft ungelöst?
Als Mandela 1999 ausschied, bestanden massive Vermögens-, Land- und Einkommensunterschiede fort. Das 1994 gesetzte Ziel, bis 1999 insgesamt 30 Prozent des Agrarlands umzuverteilen, wurde deutlich verfehlt; weniger als 1 Prozent war übertragen. Zudem stieg die geschätzte HIV-Prävalenz bei Erwachsenen von etwa 7,6 Prozent 1994 auf etwa 12,6 Prozent 1999 nach UNAIDS-Modellreihen.

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