Wounded Knee: Massaker an den Lakota 1890
Das Massaker von Wounded Knee 1890: Ablauf, Opferzahlen, Landraub, Widerstand, 20 Ehrenmedaillen und der Kampf der Lakota um Erinnerung.

Am 29. Dezember 1890 tötte das 7. US-Kavallerieregiment am Wounded Knee Creek in South Dakota überwiegend unbewaffnete Minneconjou-Lakota. Historische Schätzungen reichen von mindestens 150 namentlich erfassten bis zu etwa 300 getöteten Lakota; meist genannt werden 250–300 Tote, darunter viele Frauen und Kinder. Die US-Armee verlor 25 Soldaten, häufig durch eigenes Kreuzfeuer, und verzeichnete 39 Verwundete.
Das Geschehen war kein gleichrangiges „Gefecht“, sondern der Endpunkt einer staatlichen Kampagne aus Landraub, Vertragsbruch, Hungerpolitik, militärischer Einschließung und Repression der Geistertanzbewegung. Dieser Hub ordnet das Massaker in die Geschichte des Kolonialismus, die dokumentierten Massengewalttaten und ihre quantitativen Befunde ein.
Das Wichtigste
- Am 29. Dezember 1890 tötete das 7. US-Kavallerieregiment am Wounded Knee Creek schätzungsweise 150 bis 300 Lakota.
- Die Opfer waren überwiegend Minneconjou-Lakota; zahlreiche Frauen und Kinder starben im Lager oder wurden auf der Flucht erschossen.
- Das Massaker folgte auf Vertragsbruch, die Annexion der Black Hills 1877 und die militärische Unterdrückung der Geistertanzbewegung 1890.
- Zwanzig beteiligte Soldaten erhielten 1891 die Medal of Honor; das US-Verteidigungsministerium verweigerte ihren Widerruf im Dezember 2024.
- Die Sioux-Nationen lehnen die 1980 bestätigte Entschädigung von 105 Millionen US-Dollar ab und fordern weiterhin die Rückgabe der Black Hills.
Was geschah: Entwaffnung, Feuer und Verfolgung
Nach der Tötung des Hunkpapa-Anführers Sitting Bull durch Stammespolizisten am 15. Dezember 1890 floh Spotted Elks Minneconjou-Gruppe Richtung Pine Ridge. Soldaten des 7. Kavallerieregiments fingen sie am 28. Dezember 1890 ab und lagerten sie am Wounded Knee Creek unter Bewachung. Am Morgen des 29. Dezember umstellten rund 470 Soldaten etwa 350 Lakota; vier Hotchkiss-Maschinenkanonen standen auf einer Anhöhe.
Die Soldaten nahmen Gewehre an sich und durchsuchten anschließend Männer und Gepäck. Während eines Ringens um das Gewehr von Black Coyote fiel ein Schuss. Darauf eröffnete die Kavallerie aus kurzer Distanz das Feuer; die Hotchkiss-Kanonen verschossen explosive Granaten. Soldaten verfolgten Flüchtende über das Lager hinaus. Leichen von Frauen und Kindern wurden später bis zu mehreren Kilometern entfernt gefunden.
„A people’s dream died there. It was a beautiful dream.“ — Black Elk, überliefert von John G. Neihardt, 1932, Black Elk Speaks.
Die Zahlen: Tote, Verwundete und widersprüchliche Zählungen
Die Opferzahl ist umstritten, weil die Armee keine vollständige Erfassung der Lakota vornahm, Verwundete später starben und Leichen verstreut lagen. Der Historiker Robert M. Utley nannte 1963 mindestens 150 Lakota-Tote; Dee Brown popularisierte 1970 eine Größenordnung von etwa 300. Der National Park Service nennt heute 250–300 getötete Lakota. Bei den US-Soldaten gelten 25 Tote und 39 Verwundete; mehrere traf amerikanisches Feuer.
| Kategorie | Zahl beziehungsweise Spanne | Urheber und Jahr der Angabe |
|---|---|---|
| Getötete Lakota | mindestens 150 | Robert M. Utley, 1963 |
| Getötete Lakota | etwa 300 | Dee Brown, 1970 |
| Getötete Lakota | 250–300 | National Park Service, heutige Darstellung |
| Verwundete Lakota | 51 offiziell erfasst | US-Armee, 1890 |
| Tote US-Soldaten | 25 | US-Armee, 1890 |
| Verwundete US-Soldaten | 39 | US-Armee, 1890 |
Key facts
- Das Massaker geschah am 29. Dezember 1890 im Pine-Ridge-Reservat.
- Rund 470 Soldaten umstellten etwa 350 Minneconjou-Lakota.
- Vier Hotchkiss-Kanonen beschossen das Lager und Fluchtwege.
- Historische Schätzungen nennen 150–300 getötete Lakota.
- 20 Wounded-Knee-Teilnehmer erhielten 1891 die Medal of Honor.
Land, Verträge und wer profitierte
Wounded Knee war Teil der Eroberung der Black Hills und der Zerschlagung lakotischer Landrechte. Der Vertrag von Fort Laramie garantierte den Lakota 1868 das Great Sioux Reservation einschließlich der Black Hills. Nach Goldfunden von 1874 strömten weiße Bergleute illegal in das Gebiet. Der Kongress entzog den Lakota die Black Hills 1877 ohne die vertraglich erforderliche Zustimmung von drei Vierteln der erwachsenen Männer.
Der Dawes Act von 1887 parzellierte gemeinschaftliches Land; „überschüssige“ Flächen gingen an weiße Siedler, Eisenbahnen und Spekulanten. Nach Angaben des US-Innenministeriums sank indigener Landbesitz in den Vereinigten Staaten zwischen 1887 und 1934 von rund 138 Millionen auf 48 Millionen Acres: ein Verlust von etwa 90 Millionen Acres beziehungsweise 364.000 Quadratkilometern.
| Vorgang | Konkrete Größe | Begünstigte |
|---|---|---|
| Vertrag von Fort Laramie | Great Sioux Reservation anerkannt, 1868 | Lakota-Nationen |
| Annexion der Black Hills | vom US-Kongress beschlossen, 1877 | Bergbau, Siedler, Bundesregierung |
| Indigener Landverlust | etwa 90 Mio. Acres, 1887–1934 | Siedler, Eisenbahnen, Landspekulation |
| Gerichtliche Entschädigung | 105 Mio. US-Dollar zugesprochen, 1980 | Sioux-Nationen; Annahme verweigert |
Im Verfahren United States v. Sioux Nation of Indians entschied der Supreme Court 1980, die Enteignung sei rechtswidrig, und bestätigte 105 Millionen US-Dollar Entschädigung. Die Sioux-Nationen lehnten das Geld ab: Die Black Hills seien nicht verkäuflich. Der materielle Gewinn lag bei der US-Staatsmacht und der extraktiven Siedlerökonomie; die Kosten trugen die Lakota durch Landverlust, Abhängigkeit und Tod.
Widerstand vor und nach dem Massaker
Die Geistertanzbewegung, die der Paiute-Prophet Wovoka 1889 verkündete, versprach Erneuerung, die Rückkehr der Verstorbenen und eine Welt ohne koloniale Unterdrückung. US-Agenten deuteten die religiöse Bewegung als Aufstand. Präsident Benjamin Harrison entsandte 1890 Tausende Soldaten in die Region; die Pine-Ridge-Kampagne militarisierte eine durch gekürzte Rationen und Missernten verschärfte Hungerkrise.
Widerstand blieb nach dem Massaker politisch, religiös und juristisch lebendig:
- Lakota-Familien bewahrten seit 1890 Namen, Zeugnisse und die Forderung nach korrekter Benennung.
- Sioux-Nationen führten im 20. Jahrhundert Landklagen wegen der Black Hills.
- Am 27. Februar 1973 besetzten Aktivisten des American Indian Movement Wounded Knee; die Belagerung dauerte 71 Tage.
- Überlebende und Nachfahren verlangten im 21. Jahrhundert den Widerruf der militärischen Auszeichnungen.
Wounded Knee war kein isolierter Kontrollverlust, sondern Gewalt innerhalb eines Systems, das Landnahme durch Vertragsbruch, Rationsentzug und militärische Zwangsmacht durchsetzte.
Leugnung, Ehrenmedaillen und Erinnerungspolitik
Die US-Armee stellte Wounded Knee 1890 als Kampf dar. 1891 erhielten 20 Soldaten ausdrücklich für Handlungen bei Wounded Knee die Medal of Honor; insgesamt wurden für die Pine-Ridge-Kampagne 31 Medaillen vergeben. Diese Zahl ist außergewöhnlich hoch und bleibt ein Kern der Erinnerungskontroverse. Im Dezember 2024 erklärte Verteidigungsminister Lloyd Austin nach einer Überprüfung, die 20 Auszeichnungen würden nicht widerrufen.
Die Toten lagen nach dem Massaker drei Tage im Schnee. Am 1. Januar 1891 wurden viele Lakota in einem Massengrab beigesetzt. Fotografien der gefrorenen Leichen zirkulierten als Pressebilder und machten koloniale Tote zugleich sichtbar und zum konsumierbaren Spektakel.
Die Sprachwahl ist politisch. „Schlacht“ suggeriert zwei militärisch vergleichbare Seiten; „Massaker“ benennt die Tötung eingeschlossener Familien und fliehender Menschen. 1990 verabschiedete der US-Kongress zum 100. Jahrestag eine Resolution des „tiefen Bedauerns“, aber keine Entschuldigung mit Rechtsfolgen. 2022 erhielten die Oglala Sioux und Cheyenne River Sioux durch Bundesgesetz etwa 40 Acres am Ort zurück, vor allem zum Schutz der Gedenkstätte.
Was Wounded Knee heute bedeutet
Wounded Knee zeigt, wie Siedlerkolonialismus funktioniert: Verträge schaffen formelle Rechte; Rohstoffinteressen und Besiedlung untergraben sie; Verwaltung erzeugt Abhängigkeit; Militärgewalt beendet Widerstand; spätere Ehrungen legitimieren die Täter. Das Massaker markiert nicht das „Ende der Indianerkriege“, sondern einen Übergang zu Landparzellierung, Internatsschulen, kultureller Unterdrückung und fortdauernder Ressourcenentnahme.
Für heutige Debatten sind drei Punkte zentral. Erstens ist die Rückgabe der Black Hills eine offene politische Forderung, nicht nur eine historische Entschädigungsfrage. Zweitens dokumentieren die nicht widerrufenen 20 Medals of Honor, wie Institutionen Gewalt ehren und nachträglich schützen. Drittens gehört die Deutungshoheit den betroffenen Lakota-Gemeinschaften ebenso wie den Archiven: Namen, mündliche Überlieferungen und Grabstätten sind Quellen, keine folkloristischen Ergänzungen.
Wounded Knee verbindet daher historische Gewaltdaten mit gegenwärtigen Fragen von Landrückgabe, Souveränität und staatlicher Verantwortung. Erinnerung ohne Restitution kann das Verbrechen benennen, beseitigt aber seine materiellen Folgen nicht.
Quellen und weiterführende Literatur
- National Park Service: Wounded Knee Massacre
- Encyclopaedia Britannica: Wounded Knee Massacre
- Smithsonian Magazine: How the Battle of Wounded Knee Became a Massacre
- U.S. Supreme Court: United States v. Sioux Nation of Indians, 1980
- National Archives: The Dawes Act
- Department of Defense: Wounded Knee Medal of Honor Review, 2024
Häufige Fragen
- Wie viele Menschen starben beim Massaker von Wounded Knee?
- Am 29. Dezember 1890 wurden mindestens 150 und wahrscheinlich 250–300 Lakota getötet. Robert M. Utley nannte 1963 mindestens 150 Tote; Dee Brown schätzte 1970 etwa 300, und der National Park Service gibt 250–300 an. Die US-Armee meldete außerdem 51 verwundete Lakota, 25 tote und 39 verwundete Soldaten.
- Warum wird Wounded Knee als Massaker und nicht als Schlacht bezeichnet?
- Rund 470 Soldaten des 7. Kavallerieregiments umstellten am 29. Dezember 1890 etwa 350 Minneconjou-Lakota, darunter viele Familien, zur Entwaffnung. Nach einem Schuss feuerten Soldaten und vier Hotchkiss-Kanonen in das Lager und auf Fliehende. Wegen des extremen Kräftegefälles und der 150–300 getöteten Lakota ist „Massaker“ die sachgerechte Bezeichnung.
- Was hatte der Geistertanz mit Wounded Knee zu tun?
- Der Paiute-Prophet Wovoka begründete 1889 eine religiöse Erneuerungsbewegung, die Hoffnung auf die Wiederherstellung indigener Lebenswelten gab. US-Agenten deuteten den Geistertanz 1890 als militärische Bedrohung. Diese Fehl- und Feinddeutung trug zur Truppenentsendung, zur Tötung Sitting Bulls am 15. Dezember und zum Massaker am 29. Dezember 1890 bei.
- Warum erhielten Soldaten für Wounded Knee Ehrenmedaillen?
- Die US-Armee behandelte Wounded Knee offiziell als Gefecht und verlieh 1891 insgesamt 20 beteiligten Soldaten die Medal of Honor; 31 wurden für die gesamte Pine-Ridge-Kampagne vergeben. Lakota-Nachfahren und Aktivisten fordern ihren Widerruf. Verteidigungsminister Lloyd Austin entschied im Dezember 2024 nach einer Überprüfung, dass die 20 Auszeichnungen bestehen bleiben.
- Wem gehören die Black Hills heute, und was fordern die Lakota?
- Die Vereinigten Staaten kontrollieren die Black Hills, obwohl der Vertrag von Fort Laramie sie 1868 den Lakota zusicherte und der Kongress sie 1877 entzog. Der Supreme Court bestätigte 1980 eine Entschädigung von 105 Millionen US-Dollar. Die Sioux-Nationen verweigern deren Annahme, weil sie keine Bezahlung, sondern die Rückgabe ihres heiligen Landes fordern.
Verwandte Kapitel
Themen
- Algerienkrieg und französische Folter 1954–1962
- Atlantischer Sklavenhandel: System, Zahlen und Folgen
- Banda-Massaker und niederländisches Muskatmonopol
- Die Hungersnot in Bengalen 1943 und britische Politik
- Benin-Bronzen: Plünderung, Handel und Restitution
- Der Black War und der Genozid an Tasmaniens Aboriginals
- Cape Coast Castle und die Infrastruktur des Sklavenhandels
- CFA-Franc: Frankreichs monetäre Kontrolle in Westafrika
- Britische Konzentrationslager im Zweiten Burenkrieg
Quellen & Weiterlesen
CC BY 4.0 ·