1904–1908: Der Völkermord an Herero und Nama
Fakten, Chronologie und Opferzahlen zum deutschen Völkermord an Herero und Nama 1904–1908 sowie zu Kolonialkrieg, Lagern und Erinnerung.

Zwischen 1904 und 1908 verübte das Deutsche Kaiserreich in Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, einen Völkermord an den Ovaherero und Nama. Kolonialtruppen vertrieben Gemeinschaften, sperrten Fluchtwege und Wasserstellen, internierten Überlebende in Lagern und zwangen sie zur Arbeit. Nach der oft zitierten amtlichen Kolonialzählung sank die Zahl der Ovaherero von ungefähr 80.000 vor dem Krieg auf 15.130 im Jahr 1911; bei den Nama wurden etwa 10.000 Tote angenommen.
Der Völkermord an Herero und Nama war kein spontaner Gewaltausbruch, sondern die Zuspitzung von Landraub, Viehenteignung, rassistischer Rechtlosigkeit und deutscher Siedlungspolitik. Diese Seite ordnet Verlauf, Opferzahlen, Folgen und Erinnerung in die größere Chronologie kolonialer Gewalt ein.
Das Wichtigste
- Das Deutsche Kaiserreich verübte zwischen 1904 und 1908 durch Vertreibung, Wasserblockaden, Lagerhaft und Zwangsarbeit einen Völkermord an Ovaherero und Nama.
- Der Whitaker-Bericht der Vereinten Nationen von 1985 schätzte etwa 65.000 getötete Herero und 10.000 getötete Nama.
- Lothar von Trothas Vernichtungsbefehl vom 2. Oktober 1904 erklärte Herero unabhängig von Alter, Geschlecht oder Bewaffnung zu Zielpersonen.
- Der deutsche Kolonialbericht von 1908 registrierte 7.682 Tote unter 17.000 Gefangenen, entsprechend einer Lagersterblichkeit von ungefähr 45 Prozent.
- Deutschland erkannte den Genozid 2021 offiziell an, doch Ovaherero- und Nama-Vertreter bestreiten die Legitimität des ohne gleichberechtigte Beteiligung ausgehandelten Abkommens.
Die Kolonie vor 1904: Landraub und rassistische Herrschaft
Das Deutsche Kaiserreich erklärte 1884 große Teile des heutigen Namibia zum „Schutzgebiet“ Deutsch-Südwestafrika. Verträge, militärischer Druck und Kreditabhängigkeit verschoben Land und Vieh zu deutschen Siedlern und Handelsgesellschaften. Nach der Rinderpest von 1897 verloren afrikanische Viehhalter weitere Herden; Schulden, betrügerische Geschäfte und koloniale Gerichtspraxis beschleunigten die Enteignung.
Bis 1903 lebten laut zeitgenössischer Kolonialstatistik rund 4.600 Deutsche im Schutzgebiet; ihre kleine Minderheit verfügte über politische Macht, Waffen und privilegierten Zugang zu Land. Afrikaner unterlagen Sonderrecht, Zwangsarbeit und körperlicher Bestrafung. Vergewaltigungen und Misshandlungen durch Kolonisten wurden häufig nicht angemessen verfolgt.
„Kolonialpolitik ist ihrem Wesen nach Gewaltpolitik.“ — August Bebel, Reichstagsrede zur Kolonialpolitik, 1904.
Die Ovaherero unter Samuel Maharero erhoben sich im Januar 1904. In seinen überlieferten Befehlen verlangte Maharero, Frauen, Kinder, Missionare und unbewaffnete Engländer zu verschonen. Damit unterscheidet sich die anfängliche Aufstandsstrategie grundlegend von der späteren deutschen Vernichtungspolitik gegen eine gesamte Bevölkerungsgruppe.
1904–1908: Krieg, Vernichtungsbefehl und Lager
Nach anfänglichen Niederlagen entsandte Berlin zusätzliche Truppen und ernannte Generalleutnant Lothar von Trotha im Mai 1904 zum Kommandeur. Am Waterberg griffen deutsche Verbände am 11. August 1904 die Ovaherero an. Die militärische Einkesselung blieb unvollständig; Tausende flohen nach Osten in die wasserarme Omaheke. Deutsche Patrouillen besetzten Wasserstellen oder trieben Flüchtende zurück.
Am 2. Oktober 1904 erließ von Trotha seinen „Vernichtungsbefehl“:
„Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auf sie schießen.“ — Lothar von Trotha, „Aufruf an das Volk der Herero“, 1904.
Reichskanzler Bernhard von Bülow ließ den Befehl im Dezember 1904 formell aufheben, doch Deportation, Internierung, Hunger, Krankheit und Zwangsarbeit setzten die Vernichtung fort. Ab Oktober 1904 führten Hendrik Witbooi und andere Nama-Kaptein einen dezentralen Guerillakrieg. Gefangene Ovaherero und Nama kamen in Lager, darunter Swakopmund, Lüderitz, Windhoek und die Haifischinsel.
| Datum | Ereignis | Konsequenz |
|---|---|---|
| 24. April 1884 | Das Reich stellt Lüderitz’ Erwerbungen unter deutschen „Schutz“. | Beginn formaler deutscher Kolonialherrschaft. |
| 1897 | Die Rinderpest vernichtet große Teile afrikanischer Herden. | Verschuldung und Landverlust nehmen zu. |
| 12. Januar 1904 | Der Aufstand der Ovaherero beginnt bei Okahandja. | Deutschland eskaliert den Kolonialkrieg. |
| Mai 1904 | Lothar von Trotha übernimmt den Oberbefehl. | Eine ausdrücklich vernichtungsorientierte Strategie setzt sich durch. |
| 11. August 1904 | Schlacht am Waterberg. | Ovaherero fliehen in die Omaheke; Wasserzugänge werden blockiert. |
| 2. Oktober 1904 | Von Trotha verkündet den Vernichtungsbefehl. | Herero sollen aus der Kolonie vertrieben oder getötet werden. |
| Oktober 1904 | Nama-Gruppen beginnen den Guerillakrieg. | Der Krieg weitet sich in den Süden aus. |
| Dezember 1904 | Berlin hebt den Vernichtungsbefehl formal auf. | Internierung und Zwangsarbeit ersetzen offene Vertreibung. |
| 29. Oktober 1905 | Hendrik Witbooi fällt bei Fahlgras. | Der Nama-Widerstand verliert einen zentralen Anführer. |
| 1906–1907 | Die Haifischinsel dient als besonders tödliches Lager. | Hunger, Kälte, Krankheit und Arbeit töten zahlreiche Gefangene. |
| 31. März 1907 | Der Kriegszustand gegen die Ovaherero wird aufgehoben. | Lagerregime und Enteignung bestehen fort. |
| 31. März 1908 | Die deutsche Militärverwaltung beendet den Krieg offiziell. | Überlebende bleiben landlos, kontrolliert und arbeitspflichtig. |
Weitere Stationen stehen in der Gesamtzeitleiste des Archivs.
Die Zahlen: Tote, Überlebende und Lagersterblichkeit
Opferzahlen bleiben Schätzungen, weil deutsche Akten lückenhaft sind und Kolonialzählungen mobile Bevölkerungen ungenau erfassten. Häufig genannt werden 60.000 bis 80.000 tote Ovaherero und etwa 10.000 tote Nama für 1904–1908. Die Vereinten Nationen nannten im Whitaker-Bericht von 1985 rund 65.000 getötete Herero, entsprechend ungefähr 80 Prozent, sowie 10.000 Nama, ungefähr 50 Prozent ihrer damaligen Bevölkerung. Isabel V. Hull bezifferte 2005 den Verlust der Herero auf etwa 75 Prozent und den der Nama auf ungefähr 50 Prozent.
Die amtliche deutsche Kolonialzählung erfasste 1911 nur noch 15.130 Ovaherero gegenüber einer häufig angesetzten Vorkriegsbevölkerung von etwa 80.000 im Jahr 1904. Für die Lager dokumentierte der deutsche Kolonialbericht 1908 insgesamt 7.682 Todesfälle unter 17.000 Gefangenen seit 1904, eine registrierte Sterblichkeit von rund 45 Prozent. Diese Lagerzahl erfasst weder alle in der Omaheke Verdursteten noch sämtliche Toten außerhalb der Internierungsorte.
Was der Genozid in Gang setzte
Die Gewalt schuf eine koloniale Arbeitsordnung. Verordnungen von 1907 verpflichteten Afrikaner zu Pässen und Arbeitsnachweisen, beschränkten Bewegungsfreiheit und verhinderten weitgehend selbstständigen Land- und Viehbesitz. Enteignetes Land und Vieh gingen an Siedler, Unternehmen und den Kolonialstaat. Überlebende wurden als billige Arbeitskräfte auf Farmen, bei Eisenbahnbauten, in Häfen und Minen eingesetzt.
Gefangene mussten Tote exhumieren und Schädel präparieren. Mindestens 20 Schädel aus Namibia wurden 2011 von der Berliner Charité zurückgegeben; weitere Rückgaben folgten 2014 und 2018 aus deutschen Sammlungen. Eugen Fischer untersuchte 1908 in Rehoboth Menschen gewaltsam nach rassistischen Kategorien; sein 1913 veröffentlichtes Buch beeinflusste die deutsche „Rassenhygiene“. Direkte institutionelle und personelle Linien zum Nationalsozialismus werden wissenschaftlich differenziert diskutiert, doch die kolonialen Praktiken von Rassenklassifikation, Lagerhaft und entrechteter Zwangsarbeit sind dokumentiert.
Der Krieg kostete das Reich nach dem deutschen Kolonialetat bis 1908 mehr als 585 Millionen Mark. Politisch trug der Streit über weitere Kolonialkredite zur Reichstagsauflösung vom 13. Dezember 1906 und zur sogenannten „Hottentottenwahl“ vom 25. Januar 1907 bei; der historische Wahlname selbst reproduziert ein koloniales Schimpfwort.
Erinnerung, Anerkennung und umstrittene Wiedergutmachung
Namibische Gemeinschaften bewahrten die Erinnerung in mündlichen Überlieferungen und Gedenkritualen. Der Herero Day wird seit 1924 in Okahandja begangen. Nach Namibias Unabhängigkeit am 21. März 1990 wurde der Genozid zu einer zentralen Frage der Beziehungen mit Deutschland.
Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul bat am 14. August 2004 am Waterberg „im Sinne des gemeinsamen Vaterunsers um Vergebung“, sprach aber keine rechtsverbindliche Reparationserklärung aus. Nach Verhandlungen seit 2015 erkannte die Bundesregierung die Verbrechen im Mai 2021 offiziell als Völkermord an und stellte über 30 Jahre insgesamt 1,1 Milliarden Euro für Entwicklungsprogramme in Aussicht. Vertreter der Ovaherero und Nama kritisierten, dass sie nicht als gleichberechtigte Verhandlungspartner beteiligt gewesen seien und dass Berlin die Summe nicht als Reparation bezeichnete.
Juristisch ist die Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes erst seit dem 12. Januar 1951 in Kraft. Historisch bezeichnet „Völkermord“ dennoch präzise die Absicht, Ovaherero als Gruppe zu vernichten, wie sie im Befehl vom 2. Oktober 1904 und in der Umsetzung sichtbar wird.
Erinnerung ohne Landfrage, Beteiligung der Nachfahren und materielle Verantwortung bleibt unvollständig.
Dokumente, Biografien und Schauplätze bündelt das Archiv im Dossier Der Völkermord an Herero und Nama.
Quellen und weiterführende Literatur
- United Nations: Whitaker Report, 1985
- Encyclopaedia Britannica: Herero and Nama genocide
- United States Holocaust Memorial Museum: Herero and Nama Genocide
- Bundeszentrale für politische Bildung: Der Herero- und Nama-Krieg
- Jürgen Zimmerer und Joachim Zeller: Völkermord in Deutsch-Südwestafrika
- Isabel V. Hull: Absolute Destruction
Häufige Fragen
- Was geschah beim Völkermord an den Herero und Nama?
- Zwischen 1904 und 1908 bekämpfte das Deutsche Kaiserreich in Deutsch-Südwestafrika zunächst Aufstände der Ovaherero und Nama und ging dann zur Vernichtungspolitik über. Truppen unter Lothar von Trotha vertrieben Ovaherero in die Omaheke, blockierten Wasserstellen und erschossen Zurückkehrende. Überlebende und gefangene Nama wurden in Lagern interniert, zur Arbeit gezwungen und Hunger, Krankheit sowie Misshandlung ausgesetzt.
- Wie viele Herero und Nama wurden getötet?
- Die Schätzungen für 1904–1908 reichen bei den Ovaherero je nach Ausgangspopulation und Methode von etwa 40.000 bis 80.000 Toten. Der Whitaker-Bericht der Vereinten Nationen von 1985 nennt ungefähr 65.000 getötete Herero, rund 80 Prozent, und 10.000 getötete Nama, ungefähr 50 Prozent. Lückenhafte Register und Fluchtbewegungen verhindern eine exakte Gesamtzahl.
- Was stand in Lothar von Trothas Vernichtungsbefehl?
- Am 2. Oktober 1904 erklärte Generalleutnant Lothar von Trotha, jeder Herero werde innerhalb der deutschen Kolonie „mit oder ohne Gewehr“ erschossen; Frauen und Kinder sollten zurückgetrieben oder beschossen werden. Reichskanzler Bernhard von Bülow setzte im Dezember 1904 die formelle Aufhebung durch. Internierung, Zwangsarbeit, Hunger und massenhaftes Sterben gingen dennoch weiter.
- Warum gilt die Haifischinsel als Konzentrationslager?
- Auf der Haifischinsel bei Lüderitz internierte die deutsche Kolonialmacht vor allem zwischen 1906 und 1907 gefangene Nama und Ovaherero. Sie waren Kälte, Wind, mangelhafter Ernährung, Krankheiten und schwerer Zwangsarbeit ausgesetzt. Das Lager war Teil eines Systems, für das der deutsche Kolonialbericht 1908 insgesamt 7.682 Todesfälle unter 17.000 seit 1904 registrierten Gefangenen auswies.
- Hat Deutschland den Völkermord anerkannt und Reparationen gezahlt?
- Deutschland erkannte die Verbrechen im Mai 2021 offiziell als Völkermord an. Die mit Namibia ausgehandelte Erklärung sah 1,1 Milliarden Euro über 30 Jahre für Entwicklungsprogramme vor, ausdrücklich nicht als rechtliche Reparationen. Führende Vertreter der Ovaherero und Nama lehnten das Verfahren ab, weil betroffene Gemeinschaften nicht gleichberechtigt verhandelten. Bis 2026 blieb die politische und parlamentarische Umsetzung umstritten.
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