Lothar von Trotha: Kommandeur des Vernichtungskrieges
Lothar von Trotha befahl 1904 den Vernichtungskrieg gegen die Herero in Deutsch-Südwestafrika und trug zentrale Verantwortung für den Völkermord.

Adrian Dietrich Lothar von Trotha (3. Juli 1848–31. März 1920) war ein preußisch-deutscher General, Kolonialkommandeur und zentraler Täter des Völkermords an den Herero und Nama im heutigen Namibia.
Als Oberbefehlshaber der „Schutztruppe“ in Deutsch-Südwestafrika ließ er 1904 die Herero militärisch einkesseln, aus dem kolonial kontrollierten Gebiet in die Omaheke-Wüste treiben und durch einen ausdrücklichen Vernichtungsbefehl von Wasserstellen fernhalten. Die von ihm geführte Kriegspolitik war eine entscheidende Phase des Völkermords an den Herero und Nama, dem nach heute häufig verwendeten Schätzungen von 1904 bis 1908 etwa 65.000 von ungefähr 80.000 Herero und mindestens 10.000 von ungefähr 20.000 Nama zum Opfer fielen.
Das Wichtigste
- Lothar von Trotha erließ am 2. Oktober 1904 den ausdrücklichen Befehl, Herero innerhalb der deutschen Kolonialgrenze zu erschießen.
- Seine Truppen trieben die Herero 1904 in die Omaheke und sperrten Rückwege sowie lebenswichtige Wasserstellen militärisch ab.
- Von 1904 bis 1908 starben nach häufig verwendeten Schätzungen etwa 65.000 Herero und mindestens 10.000 Nama.
- Die Aufhebung des Vernichtungsbefehls nach 67 Tagen beendete weder Konzentrationslager und Zwangsarbeit noch die tödliche deutsche Kolonialpolitik.
- Deutschland erkannte den Völkermord 2021 an, doch Opfervertretungen kritisieren bis heute fehlende gleichberechtigte Beteiligung und individuelle Reparationen.
Wer Lothar von Trotha war
Trotha wurde 1848 in Magdeburg geboren und trat 1865 in die preußische Armee ein. Vor Namibia sammelte er Erfahrung in Deutschlands imperialen Kriegen: Von 1894 bis 1897 führte er Kolonialtruppen in Deutsch-Ostafrika; 1900 kommandierte er während des Boxerkriegs eine Brigade des Ostasiatischen Expeditionskorps. In China wirkte er am Feldzug der Acht-Nationen-Allianz mit, den Kaiser Wilhelm II. 1900 mit seiner berüchtigten „Hunnenrede“ als strafende Gewalt ohne Gefangene angekündigt hatte.
Nach dem Herero-Aufstand vom Januar 1904 ersetzte Trotha am 11. Juni 1904 den Gouverneur und Militärbefehlshaber Theodor Leutwein als Oberbefehlshaber. Leutwein verfolgte trotz brutaler Kolonialherrschaft eher eine militärische Unterwerfung mit anschließender wirtschaftlicher Ausbeutung. Trotha setzte dagegen auf Vernichtung und Vertreibung.
| Datum | Ereignis |
|---|---|
| 3. Juli 1848 | Geburt in Magdeburg |
| 1865 | Eintritt in die preußische Armee |
| 1894–1897 | Kommandeur der „Schutztruppe“ in Deutsch-Ostafrika |
| 1900 | Brigadeführer im Ostasiatischen Expeditionskorps in China |
| 11. Juni 1904 | Übernahme des Oberbefehls in Deutsch-Südwestafrika |
| 11. August 1904 | Angriff am Waterberg; Flucht der Herero in die Omaheke |
| 2. Oktober 1904 | Erlass des Vernichtungsbefehls gegen die Herero |
| 8. Dezember 1904 | Kaiserliche Aufhebung des schriftlichen Befehls nach 67 Tagen |
| 19. November 1905 | Abreise aus der Kolonie |
| 31. März 1920 | Tod in Bonn |
Der Mechanismus seiner Macht
Trothas Macht beruhte auf regulären Reichstruppen, kolonialem Notstandsrecht, überlegener Feuerkraft, Eisenbahn und Telegraphie sowie der Kontrolle über Wasser in einem trockenen Land. Am Waterberg griffen im August 1904 rund 1.500 deutsche Soldaten eine weit größere Herero-Bevölkerung an, unter der sich zahlreiche Kinder, Frauen und ältere Menschen befanden. Die militärische Einkesselung blieb unvollständig; Trotha deutete die Flucht nach Osten jedoch nicht als Anlass zur Gefangennahme, sondern als Gelegenheit zur Vertreibung.
Patrouillen besetzten oder überwachten die westlichen Wüstenränder und Wasserstellen. Der Generalstab beschrieb 1906 in seiner offiziellen Kriegsgeschichte, wie die Omaheke vollenden sollte, was die Waffen begonnen hatten. Am 2. Oktober 1904 machte Trotha diese Strategie öffentlich:
„Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen.“ — Lothar von Trotha, 1904, „Aufruf an das Volk der Herero“
Ein interner Zusatz wies die Soldaten 1904 an, über Frauen und Kinder hinwegzuschießen, um sie zur Flucht zu zwingen. Nach der formellen Aufhebung des Befehls am 8. Dezember 1904 ging die Gewalt in ein System aus Konzentrationslagern, Zwangsarbeit, Hunger, Krankheit und körperlicher Misshandlung über.
Dokumentierter Rekord und Opferzahlen
Die deutsche Kolonialzählung von 1911 verzeichnete nur noch 15.130 Herero. Ausgehend von einer häufig angesetzten Vorkriegsbevölkerung von rund 80.000 ergibt sich die oft zitierte Schätzung von etwa 65.000 getöteten Herero zwischen 1904 und 1908. Für die Nama nennt die namibisch-deutsche Gemeinsame Erklärung von 2021 ungefähr 10.000 Tote bei einer geschätzten Ausgangsbevölkerung von rund 20.000. Jürgen Zimmerer und Joachim Zeller gaben 2003 breitere Größenordnungen von 60.000 bis 80.000 getöteten Herero sowie etwa 10.000 Nama an. Die Ausgangszählungen waren kolonial und unvollständig; deshalb sind Bandbreiten seriöser als Scheingenauigkeit.
Auf der Haifischinsel bei Lüderitz starben nach amtlichen Lagerstatistiken zwischen September 1906 und März 1907 mindestens 1.032 von 1.795 Gefangenen, eine Sterblichkeit von rund 57 Prozent in etwa 7 Monaten. Trotha verließ die Kolonie zwar 1905, doch das von ihm verschärfte Vernichtungs- und Gefangenenregime wirkte fort. Gefangene mussten für Staat, Eisenbahnbau und Privatunternehmen arbeiten; Schädel und andere menschliche Überreste wurden ohne Zustimmung für rassistische Forschung nach Deutschland gebracht.
Der Feldzug „kann nur mit der Vernichtung der Nation enden“. — Lothar von Trotha, 1904, Schreiben an den Chef des Generalstabs Alfred von Schlieffen
Rechtfertigungen, Einwände und Verantwortung
Trotha behauptete 1904, ein „Rassenkrieg“ sei ausgebrochen und die Herero müssten als politische Gemeinschaft vernichtet oder aus der Kolonie vertrieben werden. Er präsentierte die Gewalt als militärische Notwendigkeit, Vergeltung für den Aufstand und Voraussetzung deutscher Herrschaft. Diese Verteidigung unterschlug, dass koloniale Enteignung, Verschuldung, Misshandlung und der Verlust von Vieh und Land dem Aufstand vorausgingen.
Auch innerhalb des Deutschen Kaiserreichs stieß sein Vorgehen auf Kritik. Reichskanzler Bernhard von Bülow warnte 1904 vor rechtlichen, christlichen und wirtschaftlichen Folgen; Missionare und Sozialdemokraten dokumentierten Misshandlungen. Kaiser Wilhelm II. hob den Vernichtungsbefehl am 8. Dezember 1904 auf, zeichnete Trotha aber 1905 mit dem Orden Pour le Mérite aus. Die Aufhebung nach 67 Tagen entlastet weder Trotha noch die Reichsleitung: Berlin hatte ihn entsandt, Truppen und Geld bewilligt und das nachfolgende Lager- und Zwangsarbeitssystem getragen.
Nach heutigem Forschungsstand erfüllt die Politik den Tatbestand des Völkermords: Tötungen, die Schaffung tödlicher Lebensbedingungen und die Absicht, die Herero als Gruppe ganz oder teilweise zu zerstören. Die Bundesrepublik bezeichnete die Verbrechen in der Gemeinsamen Erklärung mit Namibia 2021 offiziell als Völkermord „aus heutiger Perspektive“; diese zeitliche Einschränkung ist politisch und juristisch umstritten.
Nachleben und Erinnerung heute
Trotha starb 1920 in Bonn, ohne strafrechtlich verfolgt worden zu sein. Seine Familie entschuldigte sich 2004 bei einer Gedenkveranstaltung in Okakarara, 100 Jahre nach dem Vernichtungsbefehl. Die Bundesrepublik Deutschland erkannte 2021 nach rund 6 Jahren zwischenstaatlicher Verhandlungen den Völkermord an den Herero und Nama an und stellte über 30 Jahre insgesamt 1,1 Milliarden Euro für Entwicklungs- und Wiederaufbauprogramme in Aussicht. Die Erklärung vermied individuelle Reparationen.
Vertretungen der Ovaherero und Nama kritisierten 2021, sie seien nicht gleichberechtigt beteiligt worden; auch das namibische Parlament ratifizierte die Erklärung bis 2026 nicht. Die Auseinandersetzung betrifft deshalb nicht nur Trothas Ruf, sondern Landbesitz, Rückgabe menschlicher Überreste, koloniale Sammlungen und direkte Entschädigung der Nachfahren.
Trotha bleibt ein Beispiel dafür, wie persönliche Täterschaft und institutionelle Verantwortung zusammenwirkten. Sein Vernichtungsbefehl trug seine Unterschrift; ermöglicht wurde er durch Armee, Regierung, Siedlerherrschaft und die rassistische Ordnung des Deutschen Kaiserreichs. Erinnerung, die ihn lediglich als „umstrittenen General“ bezeichnet, verfehlt den dokumentierten Befund.
Quellen und weiterführende Literatur
- Deutsches Historisches Museum: Der Krieg gegen die Herero 1904
- Encyclopaedia Britannica: Lothar von Trotha
- United States Holocaust Memorial Museum: Herero and Nama Genocide
- Jürgen Zimmerer und Joachim Zeller: Völkermord in Deutsch-Südwestafrika
- Bundesregierung: Gemeinsame Erklärung mit Namibia, 2021
- Bundeszentrale für politische Bildung: Der Herero- und Nama-Krieg
Häufige Fragen
- Wer war Lothar von Trotha?
- Lothar von Trotha war ein preußisch-deutscher General, geboren 1848 und gestorben 1920. Als Oberbefehlshaber in Deutsch-Südwestafrika führte er 1904 den Vernichtungskrieg gegen die Herero und erließ am 2. Oktober 1904 den Schieß- und Vertreibungsbefehl. Danach weitete sich der deutsche Krieg gegen die Nama aus. Trotha gilt als zentraler Täter des Völkermords von 1904 bis 1908.
- Was stand in Lothar von Trothas Vernichtungsbefehl?
- Trotha erklärte am 2. Oktober 1904, jeder Herero werde innerhalb der deutschen Kolonialgrenze „mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh“ erschossen. Frauen und Kinder sollten hinausgetrieben werden. Der Befehl wurde am 8. Dezember 1904 nach 67 Tagen aufgehoben, nachdem Truppen Rückwege und Wasserstellen am Rand der Omaheke abgeriegelt hatten.
- Wie viele Herero und Nama wurden getötet?
- Für 1904 bis 1908 werden häufig etwa 65.000 tote Herero bei ungefähr 80.000 Menschen vor dem Krieg sowie mindestens 10.000 tote Nama bei ungefähr 20.000 genannt. Zimmerer und Zeller veröffentlichten 2003 für die Herero eine Bandbreite von 60.000 bis 80.000 Toten. Koloniale Ausgangszählungen waren lückenhaft, weshalb die Angaben Schätzungen bleiben.
- Handelte Lothar von Trotha allein?
- Nein. Trotha formulierte und vollstreckte 1904 den Vernichtungsbefehl, handelte aber mit Truppen, Geld und Autorität des Deutschen Kaiserreichs. Kaiser Wilhelm II. hob den Befehl am 8. Dezember 1904 auf, verlieh Trotha jedoch 1905 den Pour le Mérite. Reichsbehörden, Kolonialverwaltung und Unternehmen trugen anschließend das System aus Lagern, Enteignung und Zwangsarbeit.
- Hat Deutschland für Trothas Verbrechen Reparationen gezahlt?
- Deutschland erkannte die Verbrechen 2021 als Völkermord an und sagte Namibia 1,1 Milliarden Euro über 30 Jahre für Entwicklungs- und Wiederaufbauprogramme zu. Die Vereinbarung bezeichnet diese Mittel nicht als individuelle Reparationen. Ovaherero- und Nama-Vertretungen beanstandeten 2021 ihre unzureichende Beteiligung; bis 2026 blieb die Erklärung im namibischen Parlament unratifiziert.
Verwandte Kapitel
Personen & Institutionen
- Cecil Rhodes: Imperium, Bergbau und Gewalt
- Christoph Kolumbus: Reisen, Gewalt und koloniales Erbe
- Frantz Fanon: Psychiatrie, Kolonialismus und Befreiung
- Hernán Cortés: Eroberung, Gewalt und koloniales Erbe
- Leopold II. und der Kongo-Freistaat
- Patrice Lumumba: Unabhängigkeit, Sturz und Ermordung
- Toussaint Louverture: Revolutionär und Staatsgründer
- Winston Churchill: Krieg, Empire und Hungersnot
Quellen & Weiterlesen
CC BY 4.0 ·