Commonwealth of Nations: Empire, Macht und Nachleben
Das Commonwealth of Nations: Entstehung aus dem britischen Empire, 56 Mitglieder, Machtmechanismen, Kolonialverbrechen und heutige Bedeutung.

Das Commonwealth of Nations ist ein 1931 begründeter und seit der London Declaration von 1949 neu geordneter Staatenbund, dem 2026 insgesamt 56 souveräne Staaten angehören, überwiegend ehemalige Gebiete des britischen Empire.
Es ist weder Staat noch Militärbündnis. Seine Mitglieder kooperieren über Gipfeltreffen, das 1965 geschaffene Commonwealth Secretariat, die 1966 gegründete Commonwealth Foundation sowie zahlreiche Fach- und Zivilorganisationen. Die freiwillige Gemeinschaft präsentiert sich als Partnerschaft Gleichberechtigter; ihre Sprache, Rechtsordnungen, Grenzen, Handelswege und Vermögensunterschiede entstanden jedoch wesentlich unter britischer Kolonialherrschaft.
Das Wichtigste
- Das 1931 begründete Commonwealth umfasst seit 2022 insgesamt 56 souveräne Staaten, von denen die meisten früher zum britischen Empire gehörten.
- Die London Declaration von 1949 verwandelte den imperialen Staatenverband in eine freiwillige Gemeinschaft, ohne koloniale Vermögens- und Machtstrukturen aufzulösen.
- Das Commonwealth regiert seine Mitglieder nicht, beeinflusst sie aber durch Diplomatie, Rechtstraditionen, Elitennetzwerke, Wahlbeobachtung und englischsprachige Institutionen.
- Die Organisation verurteilte Apartheid und suspendierte einzelne Regime, setzte ihre Demokratie- und Menschenrechtsnormen jedoch wiederholt selektiv durch.
- Der Gipfel von 2024 erkannte die Notwendigkeit von Gesprächen über reparative Gerechtigkeit an, beschloss aber weder Entschädigungssummen noch Zahlungspflichten.
Was das Commonwealth ist und wie es entstand
Das heutige Commonwealth ging nicht aus einem gemeinsamen antikolonialen Gründungsakt hervor, sondern aus der schrittweisen Umgestaltung des Empire. Die Balfour Declaration von 1926 bezeichnete die weißen Dominions als „autonome Gemeinschaften“ gleichen Status; das Statute of Westminster verlieh dieser Ordnung 1931 Gesetzeskraft. Kolonien in Afrika, Asien, der Karibik und im Pazifik blieben dabei britischer Herrschaft unterworfen.
Mit der Unabhängigkeit Indiens änderte sich die Konstruktion. Die London Declaration von 1949 erlaubte Indien, Republik zu werden und dennoch Mitglied zu bleiben; König George VI. wurde als symbolisches „Head of the Commonwealth“ anerkannt. Elizabeth II. übernahm diese nicht erbliche Funktion 1952, Charles III. nach einer politischen Vorentscheidung der Regierungschefs von 2018 und dem Tod Elizabeths II. im Jahr 2022.
| Datum | Ereignis |
|---|---|
| 1926 | Die Balfour Declaration definiert Großbritannien und die Dominions als statusgleich. |
| 11. Dezember 1931 | Das Statute of Westminster schafft die gesetzliche Grundlage des British Commonwealth. |
| 28. April 1949 | Die London Declaration ermöglicht republikanischen Mitgliedern den Verbleib. |
| 1. Juli 1965 | Das Commonwealth Secretariat nimmt unter Arnold Smith seine Arbeit auf. |
| 1971 | Die Singapore Declaration formuliert politische Grundsätze der Vereinigung. |
| 1995 | Mosambik tritt als erste frühere portugiesische Kolonie ohne konventionelle britische Verfassungsbindung bei. |
| 2013 | Die Commonwealth Charter bündelt Demokratie-, Menschenrechts- und Rechtsstaatsversprechen. |
| 2022 | Gabun und Togo werden aufgenommen; die Mitgliederzahl steigt von 54 auf 56. |
| 2024 | Shirley Ayorkor Botchwey wird zur Generalsekretärin gewählt; Amtsbeginn ist der 1. April 2025. |
Mechanismen von Einfluss und Kontinuität
Das Commonwealth besitzt keine supranationale Gesetzgebung. Macht wirkt durch diplomatischen Zugang, englischsprachige Elitennetzwerke, Bildungsprogramme, Sport, technische Beratung und Normsetzung. Die alle 2 Jahre abgehaltenen Commonwealth Heads of Government Meetings schaffen direkten Zugang zu Regierungen. Das Secretariat vermittelt, beobachtet Wahlen und unterstützt Verwaltungen; die Foundation fördert zivilgesellschaftliche Akteure.
Weniger sichtbar sind die kolonialen Infrastrukturen: Westminster-Parlamente, Common-Law-Gerichte, der Londoner Privy Council als letzte Berufungsinstanz einiger Staaten, Rohstoffexporte und Finanzplätze. Pfund-Sterling-Bindungen verschwanden vielerorts, doch Eigentumsverhältnisse und Handelsmuster überdauerten. Diese Kontinuitäten verbinden das Commonwealth mit modernen Neokolonien, ohne jedes Mitglied zu einer britischen Marionette zu machen.
„The Governments of the United Kingdom, Canada, Australia, New Zealand, South Africa, India, Pakistan and Ceylon … are united as free and equal members of the Commonwealth of Nations.“ — Regierungen der Londoner Konferenz, 1949, „London Declaration“.
Die Formulierung „frei und gleich“ war programmatisch. Sie beseitigte jedoch weder britische Militärbasen noch koloniale Schulden, Landenteignungen und die Abhängigkeit vieler Volkswirtschaften von wenigen Exportgütern.
Dokumentierte Bilanz: Reichweite, Gewalt und Ungleichheit
Das Commonwealth umfasste 2022 nach der Aufnahme Gabuns und Togos 56 Staaten. Nach Angaben des Secretariat lebten 2024 rund 2,7 Milliarden Menschen in ihnen, ungefähr 33 Prozent der Weltbevölkerung; mehr als 60 Prozent dieser Bevölkerung waren 2024 höchstens 29 Jahre alt. Die Größenunterschiede sind enorm: Indien hatte nach der UN-Schätzung für 2024 rund 1,45 Milliarden Einwohner, während Tuvalu nach UN-Daten 2024 etwa 10.000 hatte.
Die Organisation darf nicht als Urheberin früherer Kolonialverbrechen behandelt werden; sie erbte jedoch deren politische Landschaft. Während der britischen Niederschlagung des Mau-Mau-Aufstands in Kenia wurden nach der offiziellen, von David Anderson 2005 ausgewerteten Zahl 11.503 als Aufständische registrierte Afrikaner getötet; Caroline Elkins schätzte 2005 eine wesentlich höhere, umstrittene Zahl von bis zu 300.000 Toten infolge von Krieg, Internierung, Hunger und Krankheit. In Britisch-Indien starben während der Hungersnot von Bengalen 1943 nach Amartya Sens Schätzung von 1981 etwa 3 Millionen Menschen; zeitgenössische und spätere Schätzungen reichen ungefähr von 2,1 bis 3,8 Millionen.
Das Commonwealth ist kein Reparationsmechanismus: Es hat 2026 keinen verbindlichen Fonds für Entschädigungen wegen Versklavung, Landraub, Massakern oder kolonialer Zwangsarbeit eingerichtet.
Auch seine Normen wurden selektiv durchgesetzt. Südafrika verließ die Gemeinschaft 1961 unter dem Druck der Kritik an der Apartheid und kehrte 1994 nach deren Ende zurück. Nigeria war nach der Hinrichtung Ken Saro-Wiwas und weiterer 8 Ogoni-Aktivisten am 10. November 1995 bis 1999 suspendiert. Simbabwe wurde 2002 suspendiert und trat 2003 aus.
Die Verteidigung des Commonwealth
Befürworter nennen drei Hauptargumente: Das Commonwealth habe die Dekolonisierung erleichtert, kleinen Staaten diplomatisches Gewicht verschafft und gemeinsame Normen gegen Rassismus und autoritäre Herrschaft entwickelt. Tatsächlich verabschiedeten Regierungschefs 1971 die Singapore Declaration, 1991 die Harare Declaration und 2013 die Commonwealth Charter. Die Gleneagles-Vereinbarung von 1977 verpflichtete Mitglieder, Sportkontakte mit dem Apartheidstaat Südafrika zu bekämpfen.
Praktischen Nutzen bieten Wahlbeobachtung, juristische Beratung, Stipendien und Zusammenarbeit zu Klima- und Schuldenfragen. Besonders kleine Inselstaaten nutzen die Gemeinschaft als Forum. Die alle 4 Jahre ausgetragenen Commonwealth Games schaffen zudem eine öffentlich sichtbare Verbindung.
Diese Verteidigung erklärt die fortdauernde Mitgliedschaft, widerlegt aber die Kritik nicht. Werteerklärungen sind politisch, nicht gerichtlich einklagbar. Brunei führte 2019 ein Scharia-Strafrecht mit Todesstrafenbestimmungen ein; Uganda verschärfte 2023 die Kriminalisierung gleichgeschlechtlicher Beziehungen bis hin zur Todesstrafe für „verschärfte Homosexualität“. Beide blieben Mitglieder. Großbritannien selbst lehnte bis 2026 umfassende staatliche Reparationen für Sklaverei und Kolonialherrschaft ab. Die Gemeinschaft bietet Dialog, aber selten Zwang und noch seltener materielle Wiedergutmachung.
Nachleben, Erinnerung und Streit um Reparationen
Heute konkurrieren zwei Erinnerungsmodelle. Das offizielle Modell betont Gemeinsamkeit, Jugend, Handel und englische Sprache. Das kritische Modell liest das Commonwealth als weiche Nachfolgeordnung des britischen Empire: nicht als direkte Kolonialregierung, sondern als Netzwerk, in dem Großbritannien symbolisches Kapital und bevorzugten Zugang bewahrt.
Die Aufnahme Mosambiks 1995 sowie Ruandas 2009, Gabuns und Togos 2022 zeigt, dass die Organisation nicht mehr ausschließlich aus ehemaligen britischen Territorien besteht. Zugleich warfen Menschenrechtsorganisationen Gabun und Togo 2022 autoritäre Regierungspraktiken vor. Die Erweiterung schwächte daher die Behauptung, Mitgliedschaft bestätige automatisch demokratische Standards.
Reparationsforderungen verändern die Debatte. Die 1973 gegründete Caribbean Community beschloss 2014 einen 10-Punkte-Plan für „Reparatory Justice“. Beim Gipfel in Samoa im Oktober 2024 erklärten die Regierungschefs erstmals gemeinsam, die Zeit sei gekommen, über „reparatory justice“ für Sklaverei und Sklavenhandel zu sprechen. Eine Summe oder Zahlungspflicht beschlossen sie 2024 nicht. Für das Verständnis dieser Forderungen sind sowohl die Geschichte des britischen Empire als auch heutige Formen der Verschuldung und Extraktion in Neokolonien zentral.
Quellen und weiterführende Literatur
- Commonwealth Secretariat: About us — offizielle Angaben zu Mitgliedern, Institutionen und Bevölkerung.
- The National Archives: Statute of Westminster 1931 — Gesetzestext der imperialen Neuordnung.
- Commonwealth: London Declaration, 1949 — Primärquelle zur republikanischen Mitgliedschaft.
- Encyclopaedia Britannica: Commonwealth — institutioneller und historischer Überblick.
- David Anderson: Histories of the Hanged — Forschung zu Gewalt, Internierung und Hinrichtungen im kolonialen Kenia, 2005.
- Reuters: Commonwealth agrees to discuss reparations, 2024 — Bericht zum Reparationsbeschluss des Gipfels in Samoa.
Häufige Fragen
- Was ist das Commonwealth of Nations?
- Das Commonwealth of Nations ist ein 1931 rechtlich begründeter, 1949 neu geordneter freiwilliger Staatenbund. Seit der Aufnahme Gabuns und Togos 2022 hat er 56 Mitglieder. Das Commonwealth Secretariat besteht seit 1965; die Commonwealth Foundation seit 1966. Die Vereinigung erlässt keine supranationalen Gesetze, sondern koordiniert Diplomatie, Wahlbeobachtung, Verwaltungsberatung, Bildungs- und Zivilgesellschaftsprogramme.
- Ist das Commonwealth dasselbe wie das britische Empire?
- Nein. Das britische Empire übte koloniale Souveränität und militärische Gewalt aus; das Commonwealth ist seit der London Declaration von 1949 eine freiwillige Vereinigung souveräner Staaten. Es entstand jedoch aus imperialen Strukturen. Sprache, Grenzen, Common Law, Handelswege und Besitzverhältnisse vieler seiner 56 Mitglieder im Jahr 2026 wurden unter britischer Kolonialherrschaft geprägt.
- Wer führt das Commonwealth an?
- Charles III. ist seit 2022 symbolisches Oberhaupt des Commonwealth, nachdem die Regierungschefs 2018 seiner späteren Nachfolge zugestimmt hatten. Das Amt verleiht keine Regierungsgewalt und ist rechtlich nicht automatisch erblich. Das Commonwealth Secretariat wird seit dem 1. April 2025 von Generalsekretärin Shirley Ayorkor Botchwey geleitet; grundlegende Entscheidungen treffen die Regierungschefs der 56 Mitgliedstaaten im Konsens.
- Welche Länder wurden aus dem Commonwealth suspendiert?
- Nigeria wurde nach der Hinrichtung Ken Saro-Wiwas und 8 weiterer Ogoni-Aktivisten am 10. November 1995 suspendiert und 1999 wieder aufgenommen. Simbabwe wurde 2002 suspendiert und trat 2003 aus. Pakistan war 1999–2004 sowie 2007–2008 suspendiert, Fidschi 2000–2001 und 2006–2014. Die Maßnahmen reagierten überwiegend auf Militärputsche oder schwere Verstöße gegen politische Grundsätze.
- Zahlt das Commonwealth Reparationen für Sklaverei und Kolonialismus?
- Nein. Bis 2026 existiert kein verbindlicher Commonwealth-Fonds für Reparationen. Die Caribbean Community verabschiedete 2014 einen 10-Punkte-Plan für reparative Gerechtigkeit. Beim Gipfel in Samoa im Oktober 2024 erklärten die Regierungschefs der damals 56 Mitglieder, Gespräche über „reparatory justice“ für Sklaverei und Sklavenhandel seien fällig; konkrete Summen, Haftungsregeln oder Zahlungsverpflichtungen wurden 2024 nicht beschlossen.
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