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Sykes–Picot-Abkommen: koloniale Teilung des Nahen Ostens

Das geheime Sykes–Picot-Abkommen von 1916 regelte britische und französische Einflusszonen im Osmanischen Reich und prägte die Mandatsordnung.

Sykes–Picot-Abkommen: koloniale Teilung des Nahen Ostens
Wikimedia Commons / Wikipedia — Sykes–Picot Agreement

Das Sykes–Picot-Abkommen war eine am 16. Mai 1916 geschlossene geheime britisch-französische Vereinbarung zur Aufteilung arabischer Gebiete des Osmanischen Reiches nach einem erwarteten Sieg im Ersten Weltkrieg.

Der britische Diplomat Mark Sykes und François Georges-Picot für Frankreich handelten den Plan mit Zustimmung des Russischen Reiches aus; Italien wurde 1917 durch das Abkommen von Saint-Jean-de-Maurienne berücksichtigt. Sykes–Picot zog nicht einfach die heutigen Staatsgrenzen, schuf aber die koloniale Logik direkter Herrschaft, indirekter Kontrolle und internationalisierter Zonen, auf der Großbritannien und Frankreich ihre Nachkriegsordnung errichteten. Es steht deshalb im Zentrum der Geschichte des Kolonialismus und seiner neokolonialen Nachwirkungen.

Das Wichtigste

  • Das geheime Abkommen vom 16. Mai 1916 teilte erwartete osmanische Beute in britische, französische und international verwaltete Zonen.
  • Sykes–Picot versprach arabische Staatlichkeit, reservierte Großbritannien und Frankreich jedoch wirtschaftliche, militärische und administrative Vorrangrechte.
  • Die heutigen Grenzen entstanden nicht allein 1916, sondern durch Sanremo 1920, Völkerbundmandate von 1922 und spätere Verhandlungen.
  • Die koloniale Mandatsordnung wurde gewaltsam durchgesetzt; britische Schätzungen nannten 1920 etwa 8.450 irakische Tote.
  • Seit seiner Veröffentlichung 1917 bezeichnet „Sykes–Picot“ weithin geheime Fremdbestimmung, obwohl das Dokument keine unverändert umgesetzte Grenzkarte war.

Was das Abkommen war – und wer es schloss

Die geheime Übereinkunft entstand aus einem Notenwechsel zwischen dem britischen Außenminister Edward Grey und dem französischen Botschafter Paul Cambon; die maßgebliche britische Note datiert vom 16. Mai 1916. Sykes und Picot hatten zwischen November 1915 und Mai 1916 eine Karte und 12 Artikel ausgearbeitet. Russland billigte den Plan, nachdem Frankreich und Großbritannien russische Ansprüche auf Konstantinopel und die Meerengen anerkannt hatten.

Frankreich sollte eine „blaue“ Zone mit unmittelbarer Kontrolle an der levantinischen Küste und in Kilikien erhalten; Großbritannien eine „rote“ Zone um Basra sowie Zugriff auf die Häfen Haifa und Akko. Zwei Binnenräume, „A“ und „B“, waren für einen arabischen Staat oder Staatenbund vorgesehen, jedoch unter französischem beziehungsweise britischem Vorrang bei Unternehmen, Krediten, Beratern und Waffen. Palästina sollte wegen konkurrierender Ansprüche international verwaltet werden.

„That France and Great Britain are prepared to recognize and protect an independent Arab State or a Confederation of Arab States […] under the suzerainty of an Arab chief.“ — Edward Grey, 1916, britische Note an Paul Cambon

Die Formel versprach Anerkennung, reservierte den Mächten aber wirtschaftliche und administrative Vorrechte. Darin lag der Kern des Projekts: formale arabische Staatlichkeit ohne volle Souveränität.

Mechanismus der Macht: Karte, Einflusszone und Mandat

Sykes–Picot verwandelte militärische Erwartungen in räumlich markierte Ansprüche. Seine Macht beruhte auf Geheimdiplomatie: Betroffene Bevölkerungen, arabische Verbündete und osmanische Untertanen waren weder vertreten noch informiert. Zugleich korrespondierte der britische Hochkommissar Henry McMahon zwischen Juli 1915 und März 1916 mit Hussein ibn Ali über eine arabische Unabhängigkeit; der territoriale Umfang dieser Zusagen blieb umstritten.

Der Mechanismus überlebte das Dokument: Großbritannien kontrollierte nach 1920 Irak und Palästina; Frankreich Syrien und Libanon. Artikel 22 der Völkerbundsatzung von 1919 erklärte ehemalige osmanische Gemeinwesen zwar für vorläufig anerkennungsfähig, unterstellte sie aber der „Hilfe“ einer Mandatsmacht. Militär, Verwaltung, Konzessionen und Infrastruktur machten diese Hierarchie praktisch. Öl verschärfte den Interessenkonflikt: Das Abkommen von Sanremo über Erdöl vom 24. April 1920 sicherte Frankreich 25 Prozent an der Turkish Petroleum Company, nachdem Mosul in den britischen Irak gelangt war.

Diese Verbindung von nomineller Selbstregierung und äußerer Kontrolle ist ein Schlüsselthema der Neokolonien.

Dokumentierter Verlauf und messbare Folgen

Datum Ereignis
Juli 1915–März 1916 McMahon und Hussein wechseln 10 Briefe über Revolte und arabische Unabhängigkeit.
16. Mai 1916 Grey und Cambon bestätigen das geheime Sykes–Picot-Abkommen mit 12 Artikeln.
2. November 1917 Die Balfour-Erklärung unterstützt eine „nationale Heimstätte“ für das jüdische Volk in Palästina.
23. November 1917 Die bolschewistische Regierung veröffentlicht den Vertrag in „Iswestija“ und „Prawda“.
25. April 1920 Sanremo weist Frankreich Syrien und Libanon, Großbritannien Irak und Palästina zu.
24. Juli 1922 Der Völkerbund bestätigt das Palästina-Mandat; es tritt am 29. September 1923 in Kraft.
29. September 1923 Die französischen Mandate für Syrien und Libanon treten formell in Kraft.
1920–1927 Der irakische Aufstand und die syrische Revolte werden militärisch niedergeschlagen.

Die unmittelbaren Kosten entstanden nicht durch eine auf dem Papier gezogene Linie allein, sondern durch die gewaltsame Durchsetzung der Mandatsordnung. Beim irakischen Aufstand von 1920 nannte der britische Bericht von 1921 insgesamt 426 getötete britische und indische Soldaten sowie 1.228 Verwundete; britische Schätzungen bezifferten irakische Tote 1920 auf etwa 8.450. Für die Große Syrische Revolte von 1925 bis 1927 nennt der Historiker Michael Provence 2005 ungefähr 6.000 getötete Syrer.

Dokumentierte und geschätzte Todesopfer antikolonialer Aufstände, 1920 und 1925 bis 1927Balken: 426 britische und indische Tote im Irak 1920, etwa 8450 irakische Tote 1920 und etwa 6000 syrische Tote 1925 bis 1927.Todesopfer laut zeitgenössischen bzw. historischen SchätzungenBriten/Inder, Irak 1920426Iraker, Irak 19208.450Syrer, 1925–19276.000Quellen: britischer Bericht 1921; britische Schätzung 1920; Michael Provence 2005

Sykes–Picot war weniger eine exakte Schablone heutiger Grenzen als ein dokumentierter Anspruch europäischer Mächte, arabische Souveränität ihren strategischen Interessen unterzuordnen.

Die damalige Rechtfertigung

Britische und französische Amtsträger rechtfertigten die Teilung 1916 mit militärischer Lastenteilung, dem Schutz von Verkehrswegen und einer angeblich notwendigen Verwaltung nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches. Frankreich berief sich auf historische, wirtschaftliche und konfessionelle Beziehungen zur Levante; Großbritannien auf den Seeweg nach Indien, den Suezkanal und die Sicherheit des Persischen Golfs.

Nach 1919 ersetzte die Sprache der „Zivilisationsmission“ die offene Annexionssprache. Artikel 22 der Völkerbundsatzung behauptete, das Wohlergehen und die Entwicklung der betroffenen Völker bildeten einen „heiligen Auftrag der Zivilisation“. Tatsächlich entschieden die Siegermächte 1920 in Sanremo ohne gewählte Delegationen der Bevölkerungen über die Mandate. Die behauptete Vorbereitung auf Selbstregierung koexistierte mit Zensur, Luftangriffen, Kollektivstrafen und politischer Fragmentierung.

Die Verteidigung, Sykes–Picot habe Stabilität geschaffen, verwechselt imperiale Ordnung mit legitimer Zustimmung. Arabische Nationalisten verwiesen bereits 1917 auf den Widerspruch zwischen britischer Kriegspropaganda, der Hussein-McMahon-Korrespondenz und dem geheimen Teilungsplan. Weitere Kontexte bietet das Archiv zur kolonialen Weltordnung.

Nachleben und Erinnerung heute

Das Abkommen wurde nach der russischen Revolution öffentlich: Leo Trotzkis Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten ließ den Text am 23. November 1917 publizieren; der „Manchester Guardian“ druckte ihn am 26. November 1917. Die Enthüllung beschädigte britische Glaubwürdigkeit bei Hussein und seinen Verbündeten und machte „Sykes–Picot“ zum Kürzel für Verrat und Fremdherrschaft.

Historisch ist dieses Kürzel zugleich nützlich und ungenau. Die Grenzen Syriens, des Irak, des Libanon, Jordaniens und Palästinas entstanden zwischen 1920 und 1923 aus Sanremo, Mandatsurkunden, Kriegen und weiteren Abkommen. Die Türkei verhinderte durch den Unabhängigkeitskrieg von 1919 bis 1922 große Teile der vorgesehenen französischen und italienischen Aufteilung Anatoliens. Auch die Schaffung Transjordaniens 1921 folgte nicht schlicht der Karte von 1916.

Die Organisation „Islamischer Staat“ inszenierte 2014 die Zerstörung eines Grenzwalls zwischen Syrien und Irak unter dem Slogan „The End of Sykes-Picot“. Das war Propaganda: Die gezeigte Grenze beruhte auf späteren Regelungen, und die Terrororganisation ersetzte koloniale Gewalt durch eigene Massengewalt. Dennoch bleibt der Name politisch wirksam, weil er reale Erfahrungen bündelt: geheime Verhandlungen, selektive Selbstbestimmung, Ressourcenkontrolle und europäische Eingriffe. Diese Strukturen wirken in Debatten über Besatzung, Öl, Schulden und neokoloniale Abhängigkeit fort.

Quellen und weiterführende Literatur

Häufige Fragen

Was regelte das Sykes–Picot-Abkommen von 1916?
Das geheime Abkommen vom 16. Mai 1916 ordnete arabische Provinzen des erwartbar besiegten Osmanischen Reiches britischen und französischen Kontroll- oder Einflusszonen zu. Großbritannien beanspruchte unter anderem den Raum Basra, Frankreich die levantinische Küste und Kilikien. Palästina sollte international verwaltet werden. Russland stimmte zu; Italien wurde 1917 gesondert berücksichtigt.
Wer unterzeichnete das Sykes–Picot-Abkommen?
Der Name verweist auf die Unterhändler Mark Sykes und François Georges-Picot, doch formal bestätigt wurde die Vereinbarung durch einen Notenwechsel zwischen dem britischen Außenminister Edward Grey und Frankreichs Botschafter Paul Cambon am 16. Mai 1916. Das Russische Reich hatte zugestimmt. Es handelte sich somit nicht um einen von Sykes und Picot eigenhändig unterzeichneten Einzelvertrag.
Hat Sykes–Picot die heutigen Grenzen des Nahen Ostens geschaffen?
Nicht unmittelbar. Die Karte von 1916 definierte Einflussräume, keine vollständig verwirklichten heutigen Staatsgrenzen. Entscheidend waren außerdem die Konferenz von Sanremo 1920, die Völkerbundmandate von 1922, die Gründung Transjordaniens 1921 und spätere Grenzverträge. Dennoch etablierte Sykes–Picot die koloniale Teilungslogik, die Großbritannien und Frankreich nach dem Ersten Weltkrieg umsetzten.
Warum galt das Abkommen als Verrat an den Arabern?
Großbritannien verhandelte das Abkommen zwischen November 1915 und Mai 1916, während Henry McMahon Hussein ibn Ali in 10 Briefen über eine arabische Revolte und künftige Unabhängigkeit schrieb. Als die Bolschewiki den Geheimvertrag am 23. November 1917 veröffentlichten, wurde sichtbar, dass London und Paris zugleich Einflusszonen und direkte Herrschaft planten.
Welche Gewalt folgte aus der Mandatsordnung?
Die Teilungsordnung wurde gegen Widerstand militärisch durchgesetzt. Beim irakischen Aufstand von 1920 verzeichnete ein britischer Bericht 1921 insgesamt 426 getötete britische und indische Soldaten; britische Stellen schätzten rund 8.450 irakische Tote. Für die Große Syrische Revolte von 1925 bis 1927 nennt der Historiker Michael Provence 2005 ungefähr 6.000 getötete Syrer.

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