1948: Nakba und Gründung der Apartheid in Südafrika
1948 brachte die Nakba in Palästina und den Wahlsieg der National Party in Südafrika: Vertreibung, Apartheidgesetze, Zahlen und Folgen.

1948 entstanden zwei langlebige Herrschaftsordnungen: In Palästina vertrieben zionistische Streitkräfte während der Staatsgründung Israels rund 750.000 Palästinenser; mindestens 400 palästinensische Ortschaften wurden entvölkert oder zerstört. In Südafrika gewann die National Party am 26. Mai 1948 die Parlamentswahl und machte „Apartheid“ zur staatlichen Doktrin weißer Vorherrschaft.
Die Vorgeschichten waren verschieden und dürfen nicht gleichgesetzt werden. Gemeinsam waren beiden Prozessen jedoch die politische Neuordnung von Land, Rechten und Bevölkerung nach ethnisch-rassistischen Kriterien – mit Folgen, die weit über 1948 hinausreichen. Dieser Hub verbindet Chronologie, Opferzahlen und Quellen mit den Archiven zu Gewaltverbrechen und zur globalen Zeitleiste.
Das Wichtigste
- 1948 wurden rund 750.000 Palästinenser vertrieben, während zionistische Streitkräfte mindestens 400 palästinensische Ortschaften entvölkerten oder zerstörten.
- Israels Gründung am 14. Mai 1948 war untrennbar mit Krieg, Enteignung und der bis heute verweigerten breiten Flüchtlingsrückkehr verbunden.
- Die National Party gewann am 26. Mai 1948 insgesamt 70 Sitze und erhob weiße Vorherrschaft zur ausdrücklich benannten Apartheidpolitik.
- Nakba und südafrikanische Apartheid waren unterschiedliche historische Prozesse, ordneten aber Land, Staatsbürgerschaft und Rechte nach ethnisch-rassistischen Kriterien neu.
- Gesetze von 1949 bis 1951 verfestigten in beiden Staaten Eigentumsentzug, räumliche Trennung und institutionelle Kontrolle über entrechtete Bevölkerungen.
Die Welt vor 1948
Großbritannien kontrollierte Palästina seit 1917 militärisch und von 1922 bis 1948 als Mandatsmacht. Die Balfour-Erklärung von 1917 unterstützte eine „nationale Heimstätte für das jüdische Volk“, obwohl palästinensische Araber 1922 laut britischer Volkszählung ungefähr 78 Prozent der rund 757.000 Einwohner stellten. Antisemitische Verfolgung in Europa, besonders der Mord an 6 Millionen europäischen Juden im Holocaust von 1941 bis 1945, verstärkte die jüdische Flucht und die internationale Unterstützung für einen jüdischen Staat.
Am 29. November 1947 empfahl die UN-Generalversammlung mit Resolution 181 die Teilung Palästinas. Der vorgeschlagene jüdische Staat erhielt etwa 56 Prozent des Territoriums, obwohl Juden 1947 nach UN-Angaben rund ein Drittel der Bevölkerung stellten und zionistische Institutionen ungefähr 7 Prozent des Landes besaßen. Die Resolution war eine Empfehlung; sie übertrug kein Recht zur gewaltsamen Vertreibung.
Südafrikas rassistische Ordnung war 1948 ebenfalls nicht neu. Der Natives Land Act von 1913 reservierte zunächst etwa 7 Prozent der Landfläche für die schwarze Bevölkerungsmehrheit; der Native Trust and Land Act erweiterte den vorgesehenen Anteil 1936 auf ungefähr 13 Prozent. Passgesetze, Arbeitszwang, Segregation und der Ausschluss schwarzer Menschen von nationaler politischer Macht bestanden bereits vor dem Begriff „Apartheid“.
„The white man must always remain master in South Africa.“ — D. F. Malan, Wahlkampfrede, 1948.
Was 1948 geschah
Nach dem UN-Teilungsbeschluss eskalierte der Krieg zwischen zionistischen Verbänden und palästinensischen Kräften. Die Haganah begann am 10. März 1948 mit Plan Dalet, einem Operationsplan zur Kontrolle des für den jüdischen Staat beanspruchten Gebiets und strategischer Räume. Historiker streiten über seine Einordnung; dokumentiert sind Vertreibungen, Einschüchterung, Massaker und die Zerstörung von Orten. Am 9. April 1948 töteten Irgun und Lehi in Deir Yassin ungefähr 100 Menschen; zeitgenössische Angaben von 254 gelten heute als überhöht.
Am 14. Mai 1948 verkündete David Ben-Gurion den Staat Israel. Am folgenden Tag griffen Armeen Ägyptens, Transjordaniens, Syriens, Libanons und des Irak ein. Flucht und Vertreibung hatten da bereits Hunderttausende Palästinenser erfasst. In Lydda und Ramle wurden im Juli 1948 nach Schätzungen des Historikers Benny Morris 50.000 bis 70.000 Menschen vertrieben.
„The State of Israel will be open for Jewish immigration and for the Ingathering of the Exiles.“ — David Ben-Gurion, Israelische Unabhängigkeitserklärung, 1948.
In Südafrika gewann Daniel François Malans National Party am 26. Mai 1948 trotz eines geringeren Stimmenanteils als Jan Smuts’ United Party die Mehrheit der Sitze: 70 gegenüber 65. Wahlberechtigt war fast ausschließlich die weiße Minderheit; nur eine begrenzte Zahl nichtweißer Männer besaß in der Kapprovinz noch ein eingeschränktes Wahlrecht. Malans Regierung begann, vorhandene Segregation als „Apartheid“ systematisch zu kodifizieren.
| Datum | Ereignis | Folge |
|---|---|---|
| 29. November 1947 | UN-Resolution 181 empfiehlt die Teilung Palästinas | Der Bürgerkrieg im Mandatsgebiet verschärft sich |
| 10. März 1948 | Die Haganah verabschiedet Plan Dalet | Strategische Orte werden erobert und vielfach entvölkert |
| 9. April 1948 | Massaker von Deir Yassin | Ungefähr 100 Tote; Angst beschleunigt Fluchtbewegungen |
| 14. Mai 1948 | Israel erklärt seine Unabhängigkeit | Das britische Mandat endet; Staatsinstitutionen übernehmen |
| 15. Mai 1948 | Arabische Armeen intervenieren | Der innerpalästinensische Krieg wird zum zwischenstaatlichen Krieg |
| 26. Mai 1948 | National Party gewinnt Südafrikas Wahl | D. F. Malan bildet die erste ausdrücklich apartheidpolitische Regierung |
| 11.–13. Juli 1948 | Vertreibung aus Lydda und Ramle | Nach Morris 50.000–70.000 Menschen werden vertrieben |
| 17. September 1948 | Lehi ermordet UN-Vermittler Folke Bernadotte | Internationale Vermittlung verliert ihren zentralen Vertreter |
| 10. Dezember 1948 | UN verabschieden die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte | Universelle Gleichheit wird normiert, aber nicht durchgesetzt |
| 11. Dezember 1948 | UN-Resolution 194 behandelt die Flüchtlingsfrage | Rückkehr oder Entschädigung wird formuliert, später jedoch verweigert |
Die Zahlen hinter Vertreibung und Herrschaft
Für die Nakba nennen Historiker und UN-Einrichtungen meist rund 750.000 palästinensische Flüchtlinge im Krieg von 1947 bis 1949. Benny Morris rekonstruierte für 1947 bis 1949 etwa 700.000 Vertriebene; die UN Conciliation Commission for Palestine veranschlagte 1950 ungefähr 711.000 Flüchtlinge außerhalb Israels. Salman Abu Sitta dokumentierte auf Grundlage palästinensischer und israelischer Quellen 531 entvölkerte Orte; andere Standardwerke zählen, je nach Definition von Dorf, Weiler oder Stadtviertel, mehr als 400.
Bei Massakern variieren Definitionen und Listen. Der Historiker Saleh Abdel Jawad identifizierte für 1947 bis 1949 mehr als 70 Massaker; Benny Morris dokumentierte 24 Fälle, weil er engere Kriterien verwendete. Für den gesamten Krieg von 1947 bis 1949 nennt Morris etwa 5.800 bis 6.000 getötete Juden beziehungsweise Israelis und rund 12.000 bis 15.000 getötete Palästinenser und arabische Soldaten; belastbare, vollständig getrennte Zivilzahlen existieren nicht.
Südafrikas Volkszählung von 1946 erfasste rund 11,4 Millionen Einwohner: etwa 7,8 Millionen als „Natives“, 2,4 Millionen als „Europeans“, 0,9 Millionen als „Coloured“ und 0,3 Millionen als „Asiatics“. Die rassistischen Kategorien waren staatliche Konstruktionen, wurden aber ab 1950 durch den Population Registration Act zur Grundlage von Wohnort, Bildung, Arbeit und politischem Status.
Was 1948 in Gang setzte
Israel kontrollierte nach den Waffenstillständen von 1949 ungefähr 78 Prozent des ehemaligen Mandatsgebiets, statt der im UN-Plan von 1947 vorgesehenen rund 56 Prozent. Das Westjordanland wurde 1950 von Jordanien annektiert, der Gazastreifen blieb bis 1967 unter ägyptischer Verwaltung. Israel verhinderte die breite Rückkehr der Flüchtlinge. Das Absentees’ Property Law von 1950 überführte zurückgelassenes palästinensisches Eigentum in staatlich kontrollierte Verwaltung; 1967 besetzte Israel das Westjordanland, Ostjerusalem und Gaza.
Der Begriff „Nakba“, arabisch für „Katastrophe“, wurde durch Constantin Zurayqs Buch „Maʿnā al-Nakba“ von 1948 politisch geprägt. Er bezeichnet nicht nur Flucht, sondern die Zerschlagung gesellschaftlicher Strukturen, Enteignung und verweigerte Rückkehr. UNRWA wurde 1949 gegründet und begann 1950 seine Arbeit; 2023 waren rund 5,9 Millionen palästinensische Flüchtlinge bei ihr registriert, einschließlich anspruchsberechtigter Nachkommen.
Südafrika schuf ab 1949 die juristische Architektur der Apartheid: Der Prohibition of Mixed Marriages Act von 1949 verbot bestimmte „gemischte“ Ehen; der Population Registration Act und der Group Areas Act von 1950 klassifizierten Menschen rassistisch und teilten Wohnräume zu. Der Bantu Authorities Act von 1951 bereitete die „Homelands“ vor. Zwischen 1960 und 1983 wurden nach Schätzung des Surplus People Project von 1985 ungefähr 3,5 Millionen Menschen zwangsumgesiedelt. Erst die Wahl vom 27. April 1994 beendete die formale weiße Minderheitsherrschaft.
Beide Geschichten gehören in eine globale Chronologie kolonialer Herrschaft, aber analytische Genauigkeit verlangt Unterschiede: Die Nakba war die massenhafte Enteignung und Vertreibung eines Volkes im Krieg und bei einer Staatsgründung; die südafrikanische Apartheid war ein über Jahrzehnte ausgebautes System gesetzlicher Rassentrennung, territorialer Kontrolle und Arbeitsausbeutung.
Erinnerung, Leugnung und politische Gegenwart
Palästinenser erinnern jährlich am 15. Mai an die Nakba. Schlüssel zu verlorenen Häusern, Dorfregister, Grundbücher und mündliche Überlieferungen halten konkrete Eigentums- und Familiengeschichten fest. In Israel dominierte lange das Narrativ freiwilliger arabischer Flucht. Seit den 1980er-Jahren belegten israelische „Neue Historiker“, darunter Benny Morris und Ilan Pappé, anhand geöffneter Archive Vertreibungsbefehle und militärische Gewalt, stritten jedoch über Planung, Absicht und den Begriff ethnische Säuberung.
Israels sogenannte Nakba Law von 2011 erlaubt die Kürzung staatlicher Mittel für Einrichtungen, die den israelischen Unabhängigkeitstag als Trauertag begehen. Erinnerungspolitik ist daher keine Randfrage, sondern betrifft Zugang zu Archiven, Bildungsfreiheit und die Benennung fortdauernder Enteignung.
Südafrika erinnert Apartheid unter anderem am 21. März, dem Jahrestag des Massakers von Sharpeville von 1960, und am 16. Juni, dem Jahrestag des Soweto-Aufstands von 1976. Die Wahrheits- und Versöhnungskommission arbeitete von 1996 bis 2002 öffentlich Verbrechen auf, ersetzte jedoch weder umfassende Strafverfolgung noch Landrückgabe. Nelson Mandelas Präsidentschaft von 1994 bis 1999 beendete die gesetzliche Apartheid, nicht ihre materiellen Folgen.
Die vergleichende Erinnerung bleibt politisch umkämpft. Südafrikas eigene Erfahrung prägte seine Unterstützung für palästinensische Rechte und seine am 29. Dezember 2023 beim Internationalen Gerichtshof eingereichte Klage gegen Israel nach der Völkermordkonvention. Siehe dazu weitere Dossiers über koloniale und rassistische Gewalt.
Quellen und weiterführende Literatur
- United Nations: The Question of Palestine
- Encyclopaedia Britannica: Palestine war of 1948
- Benny Morris: The Birth of the Palestinian Refugee Problem Revisited, Cambridge University Press
- South African History Online: The National Party and Apartheid
- Apartheid Museum: Understanding Apartheid
- Truth and Reconciliation Commission of South Africa Report
Häufige Fragen
- Was war die Nakba von 1948?
- Die Nakba war die massenhafte Vertreibung und Enteignung der palästinensischen Bevölkerung während des Krieges von 1947 bis 1949 und der Gründung Israels am 14. Mai 1948. Rund 750.000 Palästinenser wurden zu Flüchtlingen; mindestens 400 Ortschaften wurden entvölkert oder zerstört. Israel verweigerte anschließend die breite Rückkehr und überführte palästinensisches Eigentum unter anderem durch das Absentees’ Property Law von 1950 in staatlich kontrollierte Hände.
- Wie viele Palästinenser wurden 1948 vertrieben?
- Die am häufigsten genannte Schätzung lautet rund 750.000 Menschen im Krieg von 1947 bis 1949. Benny Morris nennt etwa 700.000 Vertriebene; die UN Conciliation Commission for Palestine schätzte 1950 ungefähr 711.000 Flüchtlinge außerhalb Israels. Unterschiede entstehen durch Erhebungszeitpunkt, Todesfälle, Binnenvertreibung und die Frage, welche Grenzräume und Bevölkerungsgruppen einbezogen werden.
- Begann die Apartheid in Südafrika wirklich erst 1948?
- Nein. Landenteignung, Passgesetze und Rassentrennung bestanden Jahrzehnte zuvor; der Natives Land Act von 1913 reservierte zunächst etwa 7 Prozent Südafrikas für die schwarze Bevölkerungsmehrheit. Neu war 1948 der Wahlsieg der National Party unter D. F. Malan. Seine Regierung machte „Apartheid“ zum umfassenden Programm und kodifizierte es durch Gesetze von 1949, 1950 und 1951.
- Was verbindet die Nakba und die südafrikanische Apartheid?
- Beide Prozesse institutionalisierten 1948 politische Ordnungen, die Land, Rechte und Zugehörigkeit ethnisch-rassistisch strukturierten. Eine Gleichsetzung wäre dennoch falsch: Die Nakba bezeichnet vor allem Vertreibung, Enteignung und gesellschaftliche Zerschlagung im Palästinakrieg von 1947 bis 1949; Südafrikas Apartheid war ein ab 1948 systematisch ausgebautes Gesetzes-, Arbeits- und Siedlungsregime, das formell bis 1994 bestand.
- Welche Folgen von 1948 bestehen heute fort?
- Die palästinensische Flüchtlingsfrage blieb ungelöst; 2023 waren rund 5,9 Millionen Menschen bei UNRWA registriert. Israel verweigert weiterhin eine allgemeine Rückkehr der Flüchtlinge und ihrer Nachkommen. In Südafrika endete die gesetzliche Apartheid mit der Wahl vom 27. April 1994, doch räumliche Segregation, konzentrierter Landbesitz und extreme Vermögensungleichheit bewahren wesentliche materielle Folgen der weißen Minderheitsherrschaft.
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