1960: Das Jahr Afrikas und der Preis der Unabhängigkeit
1960 wurden 17 afrikanische Staaten unabhängig. Der Hub erklärt Dekolonisation, koloniale Kontinuitäten, Kongo-Krise und Afrikas neue UN-Macht.

1960 erlangten 17 afrikanische Staaten formale Unabhängigkeit: 14 ehemalige französische Territorien sowie Nigeria und Britisch-Somaliland aus britischer und der Kongo aus belgischer Herrschaft. Deshalb heißt 1960 „Jahr Afrikas“. Souveränität bedeutete jedoch selten einen vollständigen Bruch: Grenzen, Exportabhängigkeit, Militärabkommen, Währungen und kolonial geprägte Verwaltungen blieben bestehen.
Das Jahr verschob die Weltpolitik. Die Zahl afrikanischer UN-Mitglieder stieg 1960 von 9 auf 25. Zugleich zeigten das Massaker von Sharpeville und die Kongo-Krise, dass weiße Minderheitsherrschaft, ausländische Unternehmensmacht und militärische Intervention die Dekolonisation begrenzten. Diese Bedingungen bilden einen Ausgangspunkt unserer Archive zu Neokolonien und zur Chronologie kolonialer Kontinuitäten.
Das Wichtigste
- 1960 wurden 17 afrikanische Staaten unabhängig, davon 14 aus französischer, 2 aus britischer und 1 aus belgischer Kolonialherrschaft.
- Afrikas UN-Vertretung wuchs 1960 von 9 auf 25 Mitgliedstaaten und verschob die Mehrheiten zugunsten der Dekolonisation.
- Das Massaker von Sharpeville mit 69 Toten zeigte 1960, dass weiße Minderheitsherrschaft weiterhin durch staatliche Gewalt gesichert wurde.
- Die Kongo-Krise offenbarte, wie Belgien, Unternehmen, Sezessionisten und internationale Mächte die neu errungene Souveränität begrenzten.
- Währungsbindungen, Militärabkommen und rohstofforientierte Ökonomien ließen koloniale Macht nach den Flaggenwechseln von 1960 in neuer Form fortbestehen.
Die Welt vor 1960
Nach 1945 war europäische Kolonialherrschaft politisch geschwächt, aber wirtschaftlich tief verankert. Indien wurde 1947 unabhängig; Ghana folgte 1957 als erste Kolonie südlich der Sahara unter mehrheitlich schwarzer Führung. Frankreich verlor 1954 den Indochinakrieg und führte seit 1954 Krieg gegen Algeriens Unabhängigkeitsbewegung. Großbritannien, Frankreich, Belgien, Portugal und Spanien kontrollierten dennoch 1959 große Teile Afrikas; Südafrika institutionalisierte seit dem Wahlsieg der National Party 1948 die Apartheid.
Die antikoloniale Mobilisierung verband Gewerkschaften, Parteien, Veteranen, Frauenverbände und panafrikanische Netzwerke. Zugleich machten USA und Sowjetunion den Kontinent zum Feld des Kalten Krieges. Kolonialmächte versuchten, politische Übergaben so zu gestalten, dass Rohstoffzugang, Militärstützpunkte und diplomatischer Einfluss erhalten blieben.
„The wind of change is blowing through this continent.“ — Harold Macmillan, britischer Premierminister, Rede vor dem südafrikanischen Parlament, 3. Februar 1960.
Macmillans Formel erkannte den Druck an, verschwieg aber, dass afrikanische Bewegungen den Wandel erkämpft hatten. Viele Grenzen und Institutionen stammten weiterhin aus kolonialer Eroberung, Zwangsarbeit und rassischer Hierarchie.
Was 1960 geschah
Die Unabhängigkeiten kamen in rascher Folge. Kamerun begann das Jahr; Mauretanien schloss es ab. Britisch-Somaliland vereinigte sich 5 Tage nach seiner Unabhängigkeit mit dem früher italienisch verwalteten Somalia. Mali und Senegal bildeten zunächst die Mali-Föderation, die bereits im August 1960 zerfiel.
| Datum | Ereignis | Folge |
|---|---|---|
| 1. Januar 1960 | Kamerun wird unabhängig | Ahmadou Ahidjo übernimmt einen Staat im Krieg gegen die UPC-Rebellion |
| 3. Februar 1960 | Macmillans „Wind of Change“-Rede | Großbritannien erkennt den politischen Druck der Dekolonisation öffentlich an |
| 21. März 1960 | Polizei erschießt in Sharpeville 69 Menschen | Ausnahmezustand; ANC und PAC werden am 8. April 1960 verboten |
| 27. April 1960 | Togo wird unabhängig | Ende der französischen UN-Treuhandverwaltung |
| 20. Juni 1960 | Mali-Föderation wird unabhängig | Senegal tritt am 20. August 1960 aus; Mali entsteht am 22. September 1960 |
| 26. Juni 1960 | Madagaskar wird unabhängig | Französischer Einfluss bleibt durch Kooperationsverträge erhalten |
| 30. Juni 1960 | Kongo wird von Belgien unabhängig | Meuterei, belgische Intervention und Abspaltung Katangas folgen im Juli 1960 |
| 1. Juli 1960 | Britisch-Somaliland wird Teil der Republik Somalia | Vereinigung mit dem am selben Tag unabhängig gewordenen UN-Treuhandgebiet Somalia |
| 1.–17. August 1960 | Dahomey, Niger, Obervolta, Elfenbeinküste, Tschad, Zentralafrikanische Republik, Kongo-Brazzaville und Gabun werden unabhängig | Acht neue Staaten entstehen binnen 17 Tagen |
| 1. Oktober 1960 | Nigeria wird unabhängig | Afrikas bevölkerungsreichste britische Kolonie wird souverän |
| 28. November 1960 | Mauretanien wird unabhängig | 17. afrikanische Unabhängigkeitserklärung des Jahres |
| 14. Dezember 1960 | UN-Generalversammlung verabschiedet Resolution 1514 | Kolonialherrschaft wird als menschenrechtswidrig verurteilt |
„Wir sind keine Affen mehr für sie.“ — Patrice Lumumba, Unabhängigkeitsrede des kongolesischen Premierministers, 30. Juni 1960; Übersetzung aus dem Französischen.
Lumumbas nicht im belgischen Zeremoniell vorgesehene Rede benannte Zwangsarbeit, Landraub, Beleidigungen und koloniale Gewalt ausdrücklich.
Die Zahlen hinter dem Jahr Afrikas
1960 wurden 17 Staaten unabhängig. 14 kamen aus dem französischen Kolonialverband, 2 aus britischer Herrschaft und 1 aus belgischer Herrschaft. Infolge der Aufnahmen von 1960 wuchs die afrikanische Vertretung bei den Vereinten Nationen von 9 Mitgliedstaaten zu Jahresbeginn auf 25 zum Jahresende; 16 der 17 neuen Staaten traten 1960 bei, Mauretanien erst 1961.
Die Gewalt widerspricht jeder Erzählung eines bloß administrativen Rückzugs. In Sharpeville tötete die südafrikanische Polizei am 21. März 1960 nach amtlicher Feststellung 69 Menschen und verletzte 180. Im Kongo entsandten die UN ab Juli 1960 die Mission ONUC; auf ihrem Höhepunkt 1961 umfasste sie fast 20.000 uniformierte Kräfte. Historiker und Demografen bieten keine belastbare Gesamttodeszahl der Kongo-Krise von 1960–1965; häufig zitierte Angaben reichen von ungefähr 80.000 bis 100.000 Toten, bleiben jedoch wegen lückenhafter Erfassung unsicher.
Was die Unabhängigkeit in Gang setzte
Die neuen Staaten veränderten Mehrheiten in der UN-Generalversammlung. Resolution 1514 wurde am 14. Dezember 1960 mit 89 Stimmen, ohne Gegenstimme und bei 9 Enthaltungen angenommen. Sie erklärte Fremdherrschaft zu einer Verweigerung grundlegender Menschenrechte. Der Block afroasiatischer Staaten gewann damit Gewicht gegen Kolonialismus und Apartheid.
Doch politische Flaggenwechsel beseitigten ökonomische Abhängigkeit nicht. In 12 früher französisch verwalteten Staaten blieb 1960 der CFA-Franc in Gebrauch; Konvertibilität und Reserven waren an Frankreich gebunden. Französische Militär- und Kooperationsabkommen sicherten Paris Zugang zu Regierungen und strategischen Räumen. Im Kongo konzentrierten sich Kupfer, Kobalt und Uran in Katanga, wo Moïse Tshombe am 11. Juli 1960 mit belgischer Unterstützung die Sezession erklärte. Premierminister Patrice Lumumba wurde am 17. Januar 1961 ermordet; eine belgische Parlamentskommission stellte 2001 eine „moralische Verantwortung“ Belgiens fest.
Die Kongo-Krise machte die Grenzen formaler Souveränität sichtbar: Belgien intervenierte militärisch, die UN beschränkte Lumumbas Handlungsspielraum, und westliche Geheimdienste arbeiteten gegen ihn. Mehr zu diesen Strukturen bietet der Hub Neokolonien; ihre Langzeitfolgen stehen in der Zeitleiste.
Erinnerung, Mythos und offene Bilanz
„Jahr Afrikas“ ist zugleich brauchbare Zäsur und verkürzende Formel. Sie würdigt 17 Souveränitätsakte, kann aber jahrzehntelangen Widerstand auf diplomatische Zeremonien reduzieren. Sie verdeckt außerdem, dass Algerien erst 1962, Kenia 1963, die portugiesischen Kolonien überwiegend 1975 und Namibia 1990 unabhängig wurden. In Südafrika endeten die ersten demokratischen Wahlen erst 1994.
Die damaligen Staatsnamen zeigen weitere Umbrüche: Dahomey heißt seit 1975 Benin, Obervolta seit 1984 Burkina Faso, und Zaire trägt seit 1997 wieder den Namen Demokratische Republik Kongo. Erinnerung muss deshalb zwischen Selbstbestimmung und ihren auferlegten Bedingungen unterscheiden. 1960 war weder ein geschenkter Abzug Europas noch das Ende des Kolonialismus. Es war ein Machtgewinn afrikanischer Gesellschaften innerhalb eines Systems, dessen Grenzen, Schulden, Exportstrukturen und Sicherheitsapparate vielfach fortbestanden.
Quellen und weiterführende Literatur
- Frederick Cooper: Africa Since 1940: The Past of the Present
- Vereinte Nationen: Resolution 1514 (XV), 14. Dezember 1960
- Vereinte Nationen: ONUC im Kongo, 1960–1964
- South African History Online: Sharpeville Massacre, 21 March 1960
- Encyclopaedia Britannica: Year of Africa
- Belgische Abgeordnetenkammer: Untersuchung zur Ermordung Patrice Lumumbas, 2001
Häufige Fragen
- Warum wird 1960 das „Jahr Afrikas“ genannt?
- 1960 erlangten 17 afrikanische Staaten ihre Unabhängigkeit: 14 zuvor französisch verwaltete Territorien, 2 britische und der belgisch beherrschte Kongo. Afrikas Vertretung in den Vereinten Nationen stieg im selben Jahr von 9 auf 25 Staaten. Der Begriff bezeichnet deshalb den sichtbarsten Durchbruch der afrikanischen Dekolonisation, nicht deren Beginn oder Abschluss.
- Welche 17 afrikanischen Staaten wurden 1960 unabhängig?
- 1960 wurden Kamerun, Togo, Madagaskar, die Demokratische Republik Kongo, Somalia, Benin, Niger, Burkina Faso, Côte d’Ivoire, Tschad, die Zentralafrikanische Republik, die Republik Kongo, Gabun, Senegal, Mali, Nigeria und Mauretanien unabhängig. Senegal und Mali waren ab dem 20. Juni 1960 zunächst als Mali-Föderation souverän, bevor diese im August 1960 zerfiel.
- Welche Bedingungen begrenzten die Unabhängigkeit von 1960?
- Kolonial gezogene Grenzen, rohstoffabhängige Exportwirtschaften, geringe afrikanische Repräsentation in höheren Verwaltungen sowie Verteidigungs- und Kooperationsabkommen begrenzten die Souveränität. In 12 ehemaligen französischen Territorien blieb 1960 der CFA-Franc bestehen. Im Kongo unterstützte Belgien nach der Unabhängigkeit am 30. Juni 1960 die rohstoffreiche Sezessionsprovinz Katanga.
- Welche Rolle spielte Patrice Lumumba im Jahr Afrikas?
- Patrice Lumumba wurde nach den Wahlen vom Mai 1960 erster Premierminister des unabhängigen Kongo. In seiner Rede vom 30. Juni 1960 benannte er koloniale Gewalt und Erniedrigung. Nach der Kongo-Krise wurde er am 14. September 1960 entmachtet, am 1. Dezember 1960 festgenommen und am 17. Januar 1961 in Katanga ermordet.
- Welche Bedeutung hatte Sharpeville für 1960?
- Am 21. März 1960 erschoss die südafrikanische Polizei in Sharpeville 69 Menschen und verletzte nach amtlichen Zahlen 180. Die Demonstrierenden protestierten gegen die Passgesetze der Apartheid. Die Regierung verhängte den Ausnahmezustand und verbot ANC und PAC am 8. April 1960. Das Massaker beschleunigte den Übergang von Teilen der Opposition zum bewaffneten Widerstand.
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