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1994: Apartheids Ende und ihr Fortleben

1994 endete Südafrikas formale Apartheid. Freie Wahlen brachten Nelson Mandela ins Amt, doch Landraub, Vermögensgefälle und Gewalt blieben.

1994: Apartheids Ende und ihr Fortleben
Wikimedia Commons / Wikipedia — 1994 South African general election

1994 endete in Südafrika die formale Apartheid, nicht aber ihre materielle Ordnung. Bei der Wahl vom 26. bis 29. April durften erstmals erwachsene Bürger aller rassistisch definierten Gruppen auf nationaler Ebene abstimmen. Der African National Congress (ANC) gewann; am 10. Mai wurde Nelson Mandela Präsident.

Der Machtwechsel beseitigte die gesetzliche Vorherrschaft der weißen Minderheit. Er verteilte jedoch Land, Kapital, sichere Arbeit und städtischen Raum nicht neu. Die demokratische Verfassung entstand auf dem Boden von Enteignung, Zwangsumsiedlung und modernem Rassismus.

Das Wichtigste

  • Die Wahl vom 26. bis 29. April 1994 beendete Südafrikas gesetzlich verankerte weiße Minderheitenherrschaft und führte das allgemeine Wahlrecht ein.
  • Der ANC gewann 1994 laut Wahlkommission 62,65 Prozent der gültigen Stimmen und 252 von 400 Parlamentssitzen.
  • Nelson Mandela wurde am 9. Mai 1994 gewählt und am 10. Mai als erster schwarzer Präsident Südafrikas vereidigt.
  • Apartheid überlebte ihr juristisches Ende in Landbesitz, Vermögensverteilung, räumlicher Trennung, Bildungsungleichheit und einem rassistisch geschichteten Arbeitsmarkt.
  • Die demokratische Verfassung und die Wahrheitskommission schufen neue Rechte, ersetzten aber weder umfassende Umverteilung noch konsequente strafrechtliche Rechenschaft.

Vor 1994: Demokratie für Weiße, Gewalt gegen die Mehrheit

Die National Party hatte Apartheid 1948 zur Staatsdoktrin gemacht. Gesetze klassifizierten Menschen als „White“, „Black“, „Coloured“ oder „Indian“, trennten Wohnorte und Schulen und entzogen schwarzen Südafrikanern politische Rechte. Der Natives Land Act von 1913 beschränkte schwarzen Landbesitz zunächst auf rund 7 Prozent des Staatsgebiets; der Native Trust and Land Act erhöhte die vorgesehene Fläche 1936 auf etwa 13 Prozent.

Zwischen 1960 und 1983 wurden laut dem staatlichen Surplus People Project etwa 3,5 Millionen Menschen zwangsweise umgesiedelt. Widerstand beantwortete der Staat mit Verboten, Folter, Haft und Tötungen. Beim Massaker von Sharpeville erschoss die Polizei am 21. März 1960 insgesamt 69 Menschen; beim Soweto-Aufstand ab 16. Juni 1976 registrierte die amtliche Cillie-Kommission 1979 insgesamt 575 Tote, während zeitgenössische und spätere Schätzungen häufig bis etwa 700 reichen.

„Never, never and never again shall it be that this beautiful land will again experience the oppression of one by another.“ — Nelson Mandela, 1994, Antrittsrede

Seit 1990 verhandelten Regierung und Befreiungsbewegungen, während politische Gewalt eskalierte. Der South African Human Rights Committee zufolge starben zwischen Juli 1990 und April 1994 mehr als 14.000 Menschen; besonders betroffen waren KwaZulu-Natal und das Witwatersrand.

Was 1994 geschah

Präsident F. W. de Klerk hatte das Verbot des ANC am 2. Februar 1990 aufgehoben; Mandela kam am 11. Februar 1990 nach 27 Haftjahren frei. Die Übergangsverhandlungen schufen eine Interimsverfassung, eine unabhängige Wahlkommission und eine Regierung der nationalen Einheit. Zugleich begrenzten vereinbarte Amtsgarantien, Eigentumsschutz und institutionelle Kontinuität die unmittelbare Umverteilung.

Datum Ereignis Folge
2. Februar 1990 De Klerk legalisiert ANC, PAC und SACP Offene Verhandlungen werden möglich
11. Februar 1990 Mandela wird nach 27 Jahren freigelassen Der ANC erhält seinen wichtigsten öffentlichen Führer zurück
20. Dezember 1991 CODESA beginnt Regierung und Organisationen verhandeln den Übergang
10. April 1993 Chris Hani wird ermordet Proteste beschleunigen die Einigung auf einen Wahltermin
18. November 1993 Die Interimsverfassung wird beschlossen Allgemeines Wahlrecht und Machtteilung werden rechtlich vorbereitet
26.–29. April 1994 Erste nationale Wahl mit allgemeinem Wahlrecht Die rassistische Minderheitenherrschaft endet formell
6. Mai 1994 Endergebnis wird verkündet Der ANC gewinnt 252 von 400 Parlamentssitzen
9. Mai 1994 Parlament wählt Mandela Er wird erster schwarzer Präsident Südafrikas
10. Mai 1994 Amtseinführung in Pretoria Regierung der nationalen Einheit beginnt
27. April 1995 Erster Freedom Day Der Wahltag wird nationaler Gedenktag
10. Dezember 1996 Mandela unterzeichnet die endgültige Verfassung Ein umfassender Grundrechtskatalog tritt 1997 in Kraft

Die Zahlen des Umbruchs

Die Independent Electoral Commission zählte 1994 insgesamt 19.726.579 gültige Stimmen. Der ANC erhielt 12.237.655 Stimmen beziehungsweise 62,65 Prozent und 252 von 400 Sitzen; die National Party 3.983.690 Stimmen beziehungsweise 20,39 Prozent und 82 Sitze; die Inkatha Freedom Party 2.058.294 Stimmen beziehungsweise 10,54 Prozent und 43 Sitze. Die IEC meldete 193.081 ungültige Stimmen. Eine präzise Wahlbeteiligungsquote ist nicht belastbar, weil 1994 keine vollständige Wählerregistrierung existierte.

Stimmenanteile der drei größten Parteien bei Südafrikas Wahl 1994 laut IECANC 62,65 Prozent, National Party 20,39 Prozent, Inkatha Freedom Party 10,54 Prozent.Stimmenanteile 1994 laut IECANC62,65 %National Party20,39 %Inkatha10,54 %0≈63 %

Die Zahlen zeigen einen eindeutigen demokratischen Auftrag, aber keinen vollständigen revolutionären Bruch. Der ANC verfehlte 1994 die Zweidrittelmehrheit von 267 Sitzen, mit der er Verfassungsbestimmungen allein hätte dominieren können.

Was 1994 in Bewegung setzte – und was überlebte

Die neue Ordnung schuf gleiche Staatsbürgerschaft, eine unabhängige Justiz und einklagbare soziale Rechte. Die Wahrheits- und Versöhnungskommission wurde durch das Promotion of National Unity and Reconciliation Act von 1995 eingerichtet; öffentliche Anhörungen begannen 1996. Sie dokumentierte schwere Menschenrechtsverletzungen, konnte aber strukturelle Profiteure der Apartheidwirtschaft nur begrenzt zur Verantwortung ziehen.

Die Wahl von 1994 beendete die rassistische Rechtsordnung; sie hob die durch diese Ordnung akkumulierten Eigentums- und Machtvorteile nicht auf.

Landreform blieb langsam. Die Regierung setzte 1994 das Ziel, innerhalb von 5 Jahren rund 30 Prozent des landwirtschaftlich nutzbaren Landes umzuverteilen; dieses Ziel wurde später auf 2014 verschoben und ebenfalls verfehlt. Statistics South Africa meldete 2017, dass weiße Haushalte 72 Prozent der von Einzelpersonen gehaltenen Farm- und Agrarflächen besaßen, obwohl Weiße bei der Volkszählung 2011 nur 8,9 Prozent der Bevölkerung stellten. Die Kategorien stammen selbst aus der Apartheidverwaltung, bleiben aber zur Messung ihrer Folgen relevant.

Auch Arbeitsmarkt und Vermögen blieben rassistisch geschichtet. Statistics South Africa bezifferte die offizielle Arbeitslosenquote im vierten Quartal 2023 auf 32,1 Prozent; unter schwarzen Afrikanern lag sie bei 36,1 Prozent, unter Weißen bei 8,5 Prozent. Das demokratische Südafrika erweiterte Wohnungsbau, Elektrizität, Wasserzugang und Sozialtransfers, übernahm jedoch zugleich Minenkonzerne, räumliche Segregation und extreme Ungleichheit aus der alten Ordnung. Mehr dazu im Archivhub Südafrika und in der Geschichte des modernen Rassismus.

Erinnerung, Streit und politische Bedeutung

Der 27. April wird seit 1995 als „Freedom Day“ begangen. Das Datum erinnert an eine reale demokratische Revolution: Menschen, die zuvor Untertanen in Bantustans oder entrechtete Arbeitskräfte waren, wurden Wähler eines gemeinsamen Staates. Lange Warteschlangen von 1994 prägen das nationale Bildgedächtnis.

Diese Ikonografie kann jedoch den Preis des Übergangs verdecken. Mandela wird international oft als versöhnlicher Einzelheld erinnert; weniger sichtbar sind organisierte Arbeiter, Frauenverbände, Jugendliche, Exilnetzwerke und die Getöteten der Jahre 1990 bis 1994. Ebenfalls umstritten bleibt, ob die Verhandlungen notwendige Garantien gegen einen Bürgerkrieg oder einen Kompromiss zugunsten bestehenden Eigentums schufen. Beides beschreibt Teile des Prozesses, doch nur die zweite Frage erklärt, warum politische Gleichheit und ökonomische Hierarchie nebeneinander fortbestanden.

Quellen und weiterführende Literatur

Häufige Fragen

Wann endete die Apartheid in Südafrika?
Die formale Apartheid endete nicht an einem einzigen Tag. Ihre zentralen Gesetze wurden ab 1990 aufgehoben; die Wahl vom 26. bis 29. April 1994 beseitigte die weiße Minderheitenherrschaft politisch. Nelson Mandela wurde am 9. Mai gewählt und am 10. Mai 1994 vereidigt. Die endgültige demokratische Verfassung wurde am 10. Dezember 1996 unterzeichnet und trat am 4. Februar 1997 in Kraft.
War die Wahl von 1994 Südafrikas erste demokratische Wahl?
Sie war Südafrikas erste nationale Wahl mit allgemeinem Erwachsenenwahlrecht unabhängig von der rassistischen Klassifizierung. Vom 26. bis 29. April 1994 wurden 19.726.579 gültige Stimmen gezählt. Frühere parlamentarische Wahlen waren im Kern einer weißen Minderheit vorbehalten; begrenzte und später beseitigte Vertretungsformen für andere Gruppen erfüllten kein gleiches Wahlrecht.
Wie deutlich gewann der ANC die Wahl 1994?
Nach dem Endergebnis der Independent Electoral Commission vom 6. Mai 1994 gewann der ANC 12.237.655 Stimmen, 62,65 Prozent und 252 von 400 Sitzen. Die National Party erhielt 20,39 Prozent und 82 Sitze; die Inkatha Freedom Party 10,54 Prozent und 43 Sitze. Der ANC blieb damit unter der Zweidrittelmehrheit von 267 Sitzen.
Warum bestand die Ungleichheit nach dem Ende der Apartheid fort?
1994 wurden Wahlrecht und Staatsbürgerschaft demokratisiert, nicht aber Eigentum automatisch umverteilt. Kolonialer Landraub, der Natives Land Act von 1913, Zwangsumsiedlungen und jahrzehntelange Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik hatten Vermögen kumuliert. Statistics South Africa meldete 2017, dass weiße Haushalte 72 Prozent der von Einzelpersonen gehaltenen Farm- und Agrarflächen besaßen.
Welche Aufgabe hatte die Wahrheits- und Versöhnungskommission?
Die Wahrheits- und Versöhnungskommission wurde durch ein Gesetz von 1995 geschaffen und begann 1996 unter dem Vorsitz von Desmond Tutu mit öffentlichen Anhörungen. Sie untersuchte schwere Menschenrechtsverletzungen aus der Zeit von 1960 bis 1994, konnte bei vollständiger Offenlegung politisch motivierter Taten Amnestie empfehlen und dokumentierte Opfer. Ihre begrenzte Strafverfolgung und geringe materielle Entschädigung bleiben umstritten.

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