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2020: Statuen, Protest und der Kampf um koloniale Erinnerung

Wie George Floyds Ermordung 2020 weltweite Proteste auslöste, Kolonialdenkmäler stürzte und den Streit über Rassismus und Erinnerung veränderte.

2020: Statuen, Protest und der Kampf um koloniale Erinnerung
Wikimedia Commons / Wikipedia — George Floyd protests

2020 wurde koloniale Erinnerung zum globalen Konfliktfeld. Nach der Ermordung George Floyds durch den Polizeibeamten Derek Chauvin am 25. Mai 2020 verbanden Protestierende Polizeigewalt mit Sklaverei, Imperialismus und modernem Rassismus. Denkmäler erschienen nicht länger als neutraler Stadtschmuck, sondern als staatlich legitimierte Ehrungen von Versklavern, Kolonialherren und Verteidigern weißer Vorherrschaft.

Von Bristol bis Richmond, Brüssel und Kapstadt wurden Statuen gestürzt, entfernt, beschriftet oder offiziell überprüft. Die Bewegung veränderte Museen, Kommunalpolitik und Lehrpläne, ohne die materiellen Ungleichheiten zu beseitigen, gegen die sie sich richtete.

Das Wichtigste

  • George Floyds Ermordung am 25. Mai 2020 machte Polizeigewalt zum Auslöser einer weltweiten Auseinandersetzung mit kolonialen Ehrungen.
  • Schätzungsweise 15 bis 26 Millionen Menschen nahmen 2020 in den USA an Protesten gegen Rassismus und Polizeigewalt teil.
  • ACLED bewertete ungefähr 94 Prozent der 2020 erfassten US-Proteste gegen Rassismus oder Polizeigewalt als friedlich.
  • Der Sturz Edward Colstons am 7. Juni 2020 zeigte, dass Denkmäler politische Ehrungen und keine neutralen Geschichtsquellen sind.
  • 2020 wurden laut Southern Poverty Law Center 168 Konföderiertensymbole entfernt oder umbenannt, gegenüber 22 im Jahr 2019.

Die Welt vor 2020: Gewalt, Denkmäler und verweigerte Geschichte

Der Konflikt begann nicht 2020. In Südafrika hatte „Rhodes Must Fall“ seit 2015 gegen die Ehrung des britischen Imperialisten Cecil Rhodes mobilisiert. In den USA verschärfte der rassistische Anschlag von Charleston 2015, bei dem Dylann Roof neun Schwarze Menschen ermordete, die Debatte über Konföderiertensymbole. Nach dem rechtsextremen Aufmarsch in Charlottesville 2017, bei dem James Alex Fields Jr. Heather Heyer tötete, entfernten weitere Städte solche Monumente.

Auch Europas Kolonialdenkmäler waren lange umkämpft. Edward Colston, dessen Unternehmen am Handel mit ungefähr 84.000 versklavten Afrikanerinnen und Afrikanern beteiligt war, wurde in Bristol seit 1895 mit einer Statue geehrt. In Belgien blieben Denkmäler für Leopold II. bestehen, unter dessen Herrschaft im Kongo-Freistaat von 1885 bis 1908 Zwangsarbeit, Geiselnahmen und Verstümmelungen institutionalisiert wurden. Adam Hochschild popularisierte 1998 eine Schätzung von etwa 10 Millionen zusätzlichen Todesfällen; Historiker betonen wegen fehlender Volkszählungen, dass keine präzise Gesamtzahl gesichert ist.

„I can't breathe.“ — George Floyd, 2020, aufgezeichnetes Video seiner Festnahme in Minneapolis

Floyds Worte knüpften an Eric Garner an, der 2014 bei einem verbotenen Würgegriff eines New Yorker Polizisten starb. Die unmittelbare Krise war neu; die Struktur gehörte zur längeren Geschichte von Sklaverei, Segregation, kolonialer Herrschaft und modernem Rassismus.

Was 2020 geschah: Vom Tatort zum globalen Bildersturm

Am 25. Mai 2020 kniete Derek Chauvin in Minneapolis 9 Minuten 29 Sekunden lang auf George Floyds Hals und Rücken. Die Beamten J. Alexander Kueng und Thomas Lane fixierten Floyd; Tou Thao hielt Umstehende zurück. Ein Handyvideo von Darnella Frazier machte die Tötung weltweit sichtbar. Am 26. Mai begannen Proteste, die sich rasch über die USA und zahlreiche andere Staaten ausbreiteten.

Am 7. Juni 2020 zogen Demonstrierende in Bristol die Colston-Statue vom Sockel und warfen sie in den Hafen. In Richmond wurde am 10. Juni die Statue des Konföderiertenpräsidenten Jefferson Davis gestürzt. Belgische Behörden entfernten mehrere Leopold-II.-Darstellungen; in London wurde die Statue des Versklavers Robert Milligan am 9. Juni abgebaut. Proteste richteten sich außerdem gegen Christoph Kolumbus, Cecil Rhodes und Winston Churchill.

Datum Ereignis Folge
25. Mai 2020 Derek Chauvin tötet George Floyd in Minneapolis Das Video widerlegt die polizeiliche Erstbeschreibung und wird zum globalen Beweisdokument.
26. Mai 2020 Erste Proteste in Minneapolis Die Mobilisierung breitet sich innerhalb weniger Tage landesweit aus.
29. Mai 2020 Chauvin wird wegen Totschlags und Mordes angeklagt Öffentlicher Druck erzwingt eine rasche Strafverfolgung.
1. Juni 2020 Donald Trump lässt den Lafayette Square räumen Polizeigewalt gegen Demonstrierende wird selbst zum Gegenstand der Proteste.
5. Juni 2020 Washington, D.C., benennt den Black Lives Matter Plaza Eine kommunale Geste widerspricht der Bundesregierung symbolisch.
7. Juni 2020 Colstons Statue fällt in Bristol Koloniale Ehrung wird international als politische Entscheidung diskutiert.
9. Juni 2020 London entfernt Robert Milligans Statue Institutionen überprüfen Denkmäler mit Verbindungen zur Versklavung.
10. Juni 2020 Jefferson-Davis-Statue fällt in Richmond Der Angriff auf Konföderiertensymbole beschleunigt sich.
11. Juni 2020 Belgien entfernt eine Leopold-II.-Büste in Auderghem Kongolesische Kolonialgewalt rückt ins Zentrum belgischer Erinnerungspolitik.
16. Juni 2020 Oxford stimmt gegen die sofortige Entfernung der Rhodes-Statue Hochschulen werden zu Brennpunkten institutioneller Abwehr.
2. Juli 2020 Richmond entfernt Stonewall Jackson Behörden übernehmen Demontagen, die zuvor Aktivisten verlangt hatten.

Die Zahlen: Reichweite, Polizeigewalt und Denkmalstürze

Die US-Proteste waren außergewöhnlich groß. Umfragen des Crowd Counting Consortium und von Civis Analytics führten die New York Times 2020 zu einer Schätzung von 15 bis 26 Millionen Teilnehmenden zwischen Ende Mai und Anfang Juli 2020; damit handelte es sich wahrscheinlich um die größte Protestbewegung der US-Geschichte. ACLED erfasste 2020 mehr als 10.600 Demonstrationen gegen Rassismus beziehungsweise Polizeigewalt in den USA; ungefähr 94 Prozent verliefen friedlich.

Mapping Police Violence dokumentierte für 2020 insgesamt 1.127 durch US-Polizei getötete Menschen. Nach dessen Auswertung wurden Schwarze Menschen 2020 ungefähr dreimal so häufig von der Polizei getötet wie Weiße, bezogen auf die Bevölkerungsgröße. Diese Zahlen erklären, warum der Streit um Statuen nie nur symbolisch war.

Das Southern Poverty Law Center verzeichnete 2020 insgesamt 168 entfernte Konföderiertensymbole in den USA, darunter 94 Monumente. Zum Vergleich: 2019 waren nach derselben Organisation 22 Symbole entfernt oder umbenannt worden.

Entfernte Konföderiertensymbole in den USA 2019 und 2020 laut Southern Poverty Law Center2019 wurden 22 Symbole entfernt oder umbenannt, 2020 waren es 168.Entfernte oder umbenannte Konföderiertensymbole2019222020168Quelle: Southern Poverty Law Center, Whose Heritage?, Datenstand 2020

Die Zahlen messen Mobilisierung und institutionelle Reaktion, nicht das Ende rassistischer Gewalt. Eine entfernte Statue ist überprüfbar; veränderte Machtverhältnisse sind schwerer zu beziffern.

Was 2020 in Bewegung setzte – und wie es erinnert wird

Die Proteste erzwangen konkrete Entscheidungen. Städte entfernten Konföderiertendenkmäler, Kulturinstitutionen prüften Sammlungen, und Unternehmen änderten Markennamen. Im Juni 2020 kündigte die Quaker Oats Company das Ende der Marke „Aunt Jemima“ an; Mars folgte im September 2020 mit „Uncle Ben’s“. Belgien setzte am 17. Juli 2020 eine parlamentarische Kommission zur kolonialen Vergangenheit ein. Kritiker verwiesen darauf, dass Umbenennungen ohne Reparationen, Rückgaben und strukturelle Reformen begrenzt bleiben.

Strafrechtliche Folgen kamen später. Chauvin wurde am 20. April 2021 in drei Anklagepunkten schuldig gesprochen und am 25. Juni 2021 zu 22,5 Jahren Haft im Staatsverfahren verurteilt. Ein Bundesgericht verhängte 2022 zusätzlich 21 Jahre, gleichzeitig zu verbüßen. Die drei weiteren Beamten wurden 2022 auf Bundesebene wegen Verletzung von Floyds Bürgerrechten verurteilt; auch Minnesotas Verfahren endeten mit Schuldsprüchen oder Geständnissen.

Die Erinnerung an 2020 ist umkämpft. Gegner reduzierten die Bewegung auf Sachschäden; Befürworter erinnerten an die dokumentierte Tötung, die überwiegend friedlichen Demonstrationen und die fortbestehende Ungleichheit. In Bristol wurden vier Personen, die am Sturz Colstons beteiligt waren, im Januar 2022 vom Vorwurf der Sachbeschädigung freigesprochen. Das M Shed zeigte die beschädigte Statue anschließend liegend und mit Protestplakaten: nicht als wiederhergestellte Ehrung, sondern als Objekt konfliktreicher Geschichte.

Die bleibende Frage lautet nicht, ob Geschichte sichtbar sein soll, sondern wer geehrt wird, wer erklärt und wer entschädigt wird. Der Übergang von Symbolpolitik zu konkretem Handeln umfasst Archivzugang, Restitution, Reparationen, Polizeireform und die Finanzierung betroffener Gemeinschaften.

Quellen und weiterführende Literatur

Häufige Fragen

Warum löste George Floyds Tod 2020 weltweite Proteste aus?
Derek Chauvin tötete den unbewaffneten George Floyd am 25. Mai 2020 in Minneapolis, indem er 9 Minuten 29 Sekunden auf dessen Hals und Rücken kniete. Darnella Fraziers Video dokumentierte Floyds Hilferufe und die Untätigkeit dreier weiterer Beamter. Die Aufnahme verband einen konkreten Mord mit langjährig dokumentierter Polizeigewalt gegen Schwarze Menschen und mobilisierte Proteste in den USA und weltweit.
Wie viele Menschen beteiligten sich 2020 an den Black-Lives-Matter-Protesten?
Auf Grundlage mehrerer Umfragen berichtete die „New York Times“ 2020 von geschätzt 15 bis 26 Millionen Teilnehmenden in den USA zwischen Ende Mai und Anfang Juli 2020. Das Crowd Counting Consortium und Civis Analytics gehörten zu den ausgewerteten Quellen. Wegen dezentraler Proteste existiert keine vollständige Zählung; die Spannweite gilt dennoch als Beleg für wahrscheinlich größte Protestmobilisierung der US-Geschichte.
Warum wurde Edward Colstons Statue in Bristol gestürzt?
Demonstrierende stürzten die Statue am 7. Juni 2020, weil Bristol Edward Colston seit 1895 öffentlich ehrte, obwohl seine Royal African Company am Handel mit ungefähr 84.000 versklavten Afrikanerinnen und Afrikanern beteiligt war. Die Statue wurde in den Hafen geworfen, später geborgen und musealisiert. Ihr Sturz machte sichtbar, dass öffentliche Denkmäler Werturteile über historische Täter ausdrücken.
Waren die Proteste von 2020 überwiegend gewalttätig?
Nein. ACLED erfasste 2020 mehr als 10.600 Demonstrationen gegen Rassismus beziehungsweise Polizeigewalt in den USA und bewertete ungefähr 94 Prozent als friedlich. Bei einem Teil kam es zu Sachschäden, Plünderungen, Zusammenstößen oder Polizeigewalt. Die pauschale Darstellung als „Krawalle“ verzerrt deshalb das dokumentierte Gesamtbild und verdrängt Anlass sowie Reichweite der Bewegung.
Welche Folgen hatte die Bewegung für Derek Chauvin und koloniale Denkmäler?
Derek Chauvin wurde am 20. April 2021 wegen Mordes zweiten und dritten Grades sowie Totschlags zweiten Grades schuldig gesprochen und am 25. Juni 2021 zu 22,5 Jahren Haft verurteilt. Parallel entfernten US-Kommunen 2020 laut Southern Poverty Law Center 168 Konföderiertensymbole. In Großbritannien, Belgien und anderen Staaten wurden Kolonialstatuen gestürzt, abgebaut oder offiziell überprüft.

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